164# Wenn man lebt, will man gut leben, nicht?

Ort Datum
Rosengartenstr. 02.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
w 62
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
39
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
x
Wo sind Sie geboren? Kurdistan

Foto: 619-621


Ein Thaterstück? Ich liebe das Theater, mit meiner Tochter gehe ich gerne dort hin. Ich komme ursprünglich aus Kurdistan und seit 1973 lebe ich mit meiner Familie in Konstanz. Ich habe vier Kinder. Nächstes Jahr bin ich mit meinem Mann 50 Jahre lang verheiratet. Ich bin damals mit 12 verheiratet worden und bekam mit 13 mein erstes Kind. Es war sehr schwierig, als ich nach Konstanz kam. Ich habe meine 3 Kinder in der Türkei gelassen. In Anatolien bin ich aufgewachen und als ich 12 war, kam ich nach meiner Hochzeit nach Ankara. Mit 20 hatte ich also schon vier Kinder. Ich hatte viele Schwierigkeiten, weil ich nur die Grundschule besucht hatte. Ich konnte kein Deutsch und kein Englisch. Ich kam mit dem Zug hier an und hatte keine Verwandten, die mich in Konstanz hätten abholen können.

Aber ich wurde eingeladen und musste dorthin gehen. Ich ging hin, dort war ein Mann mit einer guten Familie, sie hatten drei Söhne und dazu Hamster, vor denen ich Angst hatte, wenn die so schnell auf mich zurannten. Da musste ich aufschreien. Das war schlimm. Sie leben wie taube Menschen, wenn man die Sprache nicht sprechen kann. Ich wollte dann Geld verdienen und habe in der Volkshochschule einen Deutschkurs gemacht, der ging 3 Monate. Soviel habe ich gelernt. Ich habe dann einen Beruf gelernt, es ging nach einiger Zeit, aber nicht alles auf einmal. Zum Glück konnte ich von meinem Vater aus in die Schule gehen, denn mein Vater hat 9 Kinder, 8 davon leben noch. Einer ist in Istambul, zwei wohnen in Ankara, eine vier Stunden von Ankara enfernt. Ich und meine ältere Schwester leben hier, mein Bruder fährt Taxi…. Die Familie ist überall verteilt. Meine Tochter hat eine kaufmänische Ausbildung, die andere im Bereich Pflege. Meine Enkelin ist auch schon 23 und würde gerne Medizin studieren.

Mein Lieblingsteil von Konstanz ist die Altstadt. Ich nehme mir oft einen Nachmittag und dann gehe ich in die Altstadt, zur ältesten Wohnung oder in die älteste Straße. Damals in Ankara lebten wir in einem Nachthaus. Wissen Sie, was das bedeutetet? Das heißt, wir bauten nachts und tags wohnten wir darin. Niemand konnte uns die Wohnung dann einfach nehmen.

Bei den Menschen hier hatte ich so das Gefühl, wenn jemand merkt, dass man kein Geld hat, dann wird man auch nicht auf einen Kaffee oder einen Tee eingeladen. Ich bin nicht so, ich teile auch mein letztes Stück Brot. Aber die meisten Leute geben ihr Geld für schönes Anziehen aus, wenn man lebt, will man gut leben, nicht?

Ich habe vegetarisch gelebt, meine Enkel heute auch und ich esse auch nur Fleisch, wenn ich unbedingt muss. Ich mag Tiere, ich hatte 16 Jahre lang einen Hund, der ist vor 3 Jahren gestorben und das tut mir immer noch weh. Ich möchte aber keinen neuen, es wäre zu schwer, wenn ich wieder einen verlieren würde. Ich bin ein sensibler Mensch, ich denke oft den ganzen Tag darüber nach, warum etwas passiert, ich bin kein starker Mensch. Aber ich bin bisher trotzdem stark gewesen. Damals habe ich mal geraucht oder etwas getrunken, aber das mache ich nun nicht mehr. Ich habe eine starke Seele aber manchmal bin ich auch schwach. Ich bin schon alt aber ich hatte jung geheiratet. 1951 bin ich geboren und 1963 habe ich geheiratet. Als meine erste Tochter 12 war habe ich sie von oben bis untern angeschaut und mich gefragt, wie ging das… Auch bei meiner Enkelin dann, es war eine Art “geheimes Gucken”. Ich habe nie etwas gesagt, man denkt sich ja normal auch nichts dabei. Sie ist ja noch ein Kind, das mit Kindersachen spielt.

Aber es ist schon eine kräftige Erfahrung, wenn man 50 Jahre mit jemandem verbringt. Ich habe mit ihm alles erlebt… Und man fragt sich dann immer, was in der Zukunft noch kommt, man will gesund leben und Geld verdienen, oder? Manche sagten, du bist alt, was willst du mit dem in deiner Zukunft? Ich musste beide Beine fest in den Boden drücken, fest stehen, nicht so schwach sein. Ich dachte mir, das ist meine Zukunft: die Vergangenheit ist schon vorbei. Wenn ich morgens in den Spielgel schaue sage ich immer: Oh, lieber Gotte, du willst, dass wir so leben und das schon seit 62 Jahren, das ist schon ziemlich alt auf dem Papier. Man braucht wenig Sachen zum Leben aber immer eine Hand voll Glück, mehr nicht. Gottseidank bin ich gesund und habe keine schwere Krankheit, das ist schön, ich bin fit. Die Gedanken machen das so. Wenn ich denke, dass ich morgen sterbe, dann sterbe ich. Auch Kopfschmerzen kommen umso mehr, wenn man immer davon redet. Aber wenn man sie vergisst und positiv denkt, dann gehen sie auch weg.

Ich hab jetzt auch türkische Musik gelernt. Vom Weg von Wollmatingen bis ich hierher habe ich gesungen. Jetzt langsam hab ich auch gelernt es zu lesen. Auch in der Türkei macht man immer Musik, auch auf der Straße. Dafür schäme ich mich auch nicht, ich liebe jede Musik. Ich glaube auch nicht so fest, manche sagen ich bin Atheist. Aber es ist meine und Gott’s Sache, da darf kein anderer Mensch dazwischen kommen und etwas korrigieren, das ist meine Sache, nicht wahr? Wie die Beziehung zwischen Mutter und Tochter.