100# So wie es ist, ist es gut.

Ort Datum
 Wollmatingen  4.11.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 m  88
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 30
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
  x
Wo sind Sie geboren? Im Westerwald


Wo sind Sie geboren?

Im Westerwald. Im kalten Westerwald.

Und wie sind Sie dann nach Konstanz gekommen?

Als ich Urlaub gemacht habe im Süden, dann hab‘ ich gesagt , oh, hier unten ist es aber schön, so viel Blumen da! Und die ganze Atmosphäre gefiel mir also sehr gut. Im Westerwald ist die Witterung so, dass also in der Winterzeit 3 Wochen früher Winter ist und im Frühjahr 3 Wochen länger; das sind also 6 Wochen, ja. Und dann hab’ ich gesagt , ach, ich möchte mal gerne Richtung Süden gehen. Naja und dann kam ich auch ‘80 Richtung Süden. Eine Kollegin die musste gerade ihren Praxisteil verkaufen, weil ein Enkel brauchte offenbar Geld, und dann hab ich also ‘ne Praxis gehabt in Öhningen im Schloss und auch einen Wohnbereich oben drüber. Das war an sich sehr schön. In dem Schloss war so ein Zimmer mit 70qm und einer Stuckdecke mit Kachelofen und so weiter und so fort.

Dann hab ich mich umgesehen, um ein kleines Häuschen zu erwerben. Und das war also dann in der Parallelstraße zur Steinerstraße, das ist die Hauptstraße zu Stein am Rhein. Und da hab ich dann auch ‘ne Praxis gehabt, später haben wir aber dann am Alten Acker mit dem Kleinkind, oder Säugling war das noch, gebaut.

Was ist für Sie der Geruch vom Bodensee?

(lacht) Der Geruch? Ich habe da keinen eigenen Geruch vom Bodensee, ähm, ich habe nur gedacht, es ist schöner, auch ein Gewässer zu haben und dann auch noch das größte Gewässer in Deutschland Was an Flächen immer schön ist, so ist es auch vom Wasser her, große ruhige Flächen, nicht wahr, die auch beruhigen. Das gilt aber auch für Ebenen, wo auch Getreide wächst, das ist auch schön. Aber ich brauchte immer einen Fernblick. Ob da hinten noch die Berge waren, was natürlich einen besonderen Reiz hat… Obwohl ich kein Bergsteiger bin, war ich wohl trotzdem ganz gerne in den Bergen. Und die Schweiz ist ja auch so nah, sodass es also heißt, ,ja du musst mal unbedingt auf den Säntis‘ . Und der Geruch des Sees, also wirklich von dem Wort Geruch her, also da hab ich jetzt nicht einen Geruch nach Fisch oder so (lacht), sondern das ist für mich ein ganz neutrales und ruhiges Gewässer.

Also eher die Atmosphäre.

Die Atmosphäre, ja.

Und was macht Konstanz für Sie aus?

Konstanz als Stadt ist sehr schön mit der Altstadt, obwohl ich da wenig Kontakt mit den einzelnen Institutionen habe, ob das jetzt Museum ist oder das oder jenes. Da hab ich also nicht allzu viel Bezug genommen, ich weiß nicht, ob aus Bequemlichkeit oder – ich hatte so viel zu tun, oder hab gemeint, ich hätte so viel zu tun, das weiß ich nicht so ganz genau. Aber ich bin ja erst ab den 90ern nach Konstanz gekommen, da lebte ja meine Lebensgefährtin noch und wenn da irgendwas war, ich kannte mich ja da nicht aus, dann hab ich mich immer nach ihr gerichtet, was wir da jetzt so unternehmen. Und auf der Höri da war ja kulturell auch einiges los, weil viele Künstler ihr Zuhause da fanden. Da war zum Beispiel Otto Dix, Hesse und Bruno Epple, den ich persönlich auch gut kenne und den Walter Fröhlich, den kenne ich auch sehr gut und – naja, das waren also so persönliche Kontakte. Dann war ich mal zunächst einmal bei Epple, der war Direktor, der gab glaube ich, Latein, Französisch und Deutsch in Radolfzell, ist ja Deutschlands bekanntester naiver Maler und hat auch viele Bücher geschrieben wie Wosches oder so, der also diese alemannischen Wörter und Ausdrücke umschrieben hat und den Ursprung erklärt hat und so weiter, das ist ja auch interessant. Und mir gefiel aber auch, das was der Walter Fröhlich brachte, obwohl ich meine Ohren sehr spitzen musste, dass ich alles schön versteh‘, weil das ja Mundart war, das war ja alles alemannisch. Aber er brachte das immer so geschickt und auch lebhaft und interessant und auch lustig teilweise. Und das fand ich also auch gut. Und jetzt Konstanz, was ist Konstanz noch, ja.. Konzil und die Imperia und was da sonst noch so ist, ich kenne mich da also nicht so gut aus. Auch schon deswegen nicht, weil, wenn wir in die Stadt gefahren sind, dann sagte meine Lebensgefährtin immer ,Ja, Moment , fahr so, fahr so, fahr so‘, da wusste ich also oft überhaupt nicht welche Straßen. Naja, vor allen Dingen war ich aber auch nicht immer nur in Konstanz. Meine Lebensgefährtin habe ich kennengelernt in einem Malkurs am Schluchsee. Sie saß mir mal gegenüber, aber ziemlich weit, der Tisch war ziemlich groß und sie hatte irgendwie Kreislaufbeschwerden und da hab ich gesagt:  ’ah ich hab was, ich hab was‘ (lacht). Sie bekam dann von mir Kügelchen, und das ging dann einigermaßen. Später haben wir uns dann auch kennengelernt. Ich wusste aber nicht, dass ihr Mann 2 Jahre vorher schon verstorben war. Dann haben wir uns angefreundet, ich lebte in Scheidung, und so war das dann. Dann bin ich, nachdem ich erst noch in Öhningen wohnte, nach Konstanz immer hin- und hergedüst, morgens und abends und so (lacht). Und das waren dann so die ersten Eindrücke. Dann habe ich aber auch gar nicht so viel von der Stadt und von anderen Dingen wie dem Theater mitbekommen. Also wir waren schon ab und zu mal im Theater, aber das war also nicht die Regel. Das ganze kulturelle Programm, was da angeboten wurde, haben wir nicht genutzt. Denn sie hatte ja noch die Werbeagentur und hatte da noch sehr viel zu tun, und, naja, so war das also. Mit dem Geruch habe ich also nicht so viel gerochen am See (lacht).

Aber haben Sie ein Lieblingsplätzchen hier irgendwo, wo Sie gerne immer hingehen?

Ja, das darf ich ja nicht sagen, ich gehe gern nach Allensbach essen. (lacht) Das zählt ja wohl nicht. Aber sonst fahren wir mal nach Friedrichshafen, da gibt es ja einige Dinge, wie das von der Luftfahrtgeschichte. Und wo sind wir denn sonst immer gern hingefahren? Also sooo spezielle Orte haben wir gar nicht gehabt. Einige kannten wir schon: ,ah hier ist es schön, lasst uns verweilen‘.

Also ich kann jetzt gar keinen speziellen Lieblingsort sagen, weil mir die ganze Gegend gut gefiel. Es war alles noch neu für mich, und es war einfach alles schön für mich.

Und wo gehen Sie jetzt am liebsten hin? Außer nach Allensbach essen?

(lacht) Ja, jetzt Lieblingsplätze, wo hab ich denn jetzt Lieblingsplätze? Ja, ich geh gern mal an den See, mich irgendwo hinsetzen. Die Promenade vielleicht mal und sonst… ich hab sogar mal im Pavillon gemalt, das war auch am See direkt. Und dann sind wir auch ab und zu nach Gottlieben gefahren, da wollten wir die Schweiz auch ein bisschen kennenlernen. Ich hab mich also in letzter Zeit mehr mit den Dingen befasst, die also hier so sind und ich komme also gar nicht mehr so häufig raus, dass ich jetzt sagen kann, wo gehe ich jetzt gern hin? Vielleicht mal auf eine Höhe einfach mal Richtung Stockach oder dann waren wir mal auf so einem Aussichtspunkt.

Und jetzt, wissen Sie, in dem Alter wird man auch etwas träge, ja, man macht das, was so notwendig ist. Dann hab ich so viel Zeit schon und ich meine immer noch, ich müsste noch irgendwas lernen und notier mir das auch alles schön; aber ob ich das irgendwann auch mal verwenden kann? Und dann muss ich ja auch hier dafür sorgen, dass das Haus einigermaßen in Schuss bleibt, weil es ja nicht mein Haus ist, ja.

Sie fühlen sich aber schon hier in Konstanz zu Hause oder?

Ja, ich fühle mich hier sehr zu Hause, weil auch alle Verwandten und Bekannten hier sind, zu denen ich ein herzliches und sehr gutes Verhältnis habe. Mehr kann ich zu meinem Lebensabend also wirklich nicht erwarten. Und alle Leute sind nett, und dann meinen sie auch, man käme ganz gut mit mir zu Rande. Vielleicht war das früher nicht ganz so, aber im Alter ist es doch so, dass man manche Dinge einfach… – das ist ja alles gar nicht so schlimm, nicht wahr, da kann man ja mal drüber nachdenken. Da findet sich ne Lösung, das ist doch ganz klar, sagt man, also, reg dich mal nicht auf, ja. Das sind dann Patienten und auch Nicht-Patienten und wenn sie sich mit mir ausgesprochen haben, dann gings ja schon (lacht).

Ich kann mich erinnern, in Öhningen war das noch, das war eine Zahnarztwitwe, die war aber schon 80 oder noch ein bisschen jünger zu der Zeit. Ich hab’ also ein längeres Gespräch mit ihr gehabt, und sie fühlte sich gar nicht wohl. Und hinterher hat sie gesagt ,hach, jetzt geht es mir nur noch halb so schlecht‘. (lacht)Das tut einem selber auch gut. Naja, wissen Sie, ich hänge immer noch so in der Medizin. Auch wenn man sagt, ach, jetzt könntest du ja mal damit aufhören, dann hab ich immer noch ein paar Patienten, die Probleme haben und die meinen, ach, vielleicht könnte man ja doch noch biologisch irgendwas machen? Die sind ja durchweg alle mit der Schulmedizin konfrontiert. Und manche Dinge werden da nicht gut vertragen oder es reicht nicht ganz aus in der Therapie, da kommen dann schon mal Fragen: Kann man nicht doch noch was machen? Sag ich prinzipiell, man kann fast immer noch was machen, ob man die Nebenwirkungen reduzieren kann oder dass man teilweise die Medikamente ersetzen kann oder was alles so ist. Das ist also eigentlich immer noch meine Aufgabe und meine Devise. Ich muss lesen, ich muss lesen, vielleicht ist doch noch irgendwas sichtbar und ja… (lacht)

Sonst wär’s ja auch langweilig oder?

Ich hab nie Langweile, also ich kenne das Wort Langweile gar nicht. Auch das Wort Einsamkeit kenne ich auch nicht, ich bin zwar oft allein, aber einsam war ich eigentlich noch nie. Denn ich kann in mir ruhen. Und wenn ich irgendwann mal warten muss, macht mir auch überhaupt nichts aus. Ich setz’ mich dann hin und versuche, etwas zu meditieren oder mache andere Dinge, die man noch machen kann, zum Beispiel Fingertherapie.

Was ist Fingertherapie?

Von den Meridianen her gibt es Einfluss der Finger auf verschiedene Organe, da kann man das drücken, das ist Leber und das ist Herzkreislauf und da könnte man sich damit befassen, da vergeht die Zeit wunderbar.

Mein älterer Sohn hat schon zweimal gesagt, wenn ich in den Westerwald kam, da fahr ich immer mit dem Auto dahin und das geht an sich ganz gut, also ich habe da keine Schwierigkeiten mit dem Fahren, da sagt er: „Ei, Vadder, du lebst ja immer noch!“ (lacht) Das hört sich bisschen makaber an, aber ich finde das ganz lustig, was er damit aussagen will: Ich freu’ mich, dass du noch lebst. Naja, wissen Sie, wenn man so alt wird, da muss man dann überlegen, wie ist es denn so mit der Verwandtschaft und da biste ganz schön vorbelastet mit Herzkreislauf – und du könntest ja an sich froh sein, wenn du mal 80 wirst, weil mein Vater starb mit 72 am Herzinfarkt, meine Mutter mit 77 am Schlaganfall und, naja, jetzt habe ich den Durchschnitt schon bisschen überlebt.

Was bedeutet es für Sie, so nah an der Grenze zur Schweiz zu leben?

Wenn man Kontakt hat mit Schweizern und Österreichern, das ist ja alles ziemlich nah, dann ist das mir völlig recht. Ich freue mich auch, wenn ich mal andere Menschen kennenlerne, die eine andere Nationalität haben. Ich habe da keine Schwierigkeiten mit den Nachbarn und ich weiß, das sind ja auch alles Alemannen zum Teil und von der Sache her meint man ja immer, sie wären etwas sturer als die anderen, aber das ist ja ihre Eigenart. Und in Österreich, da habe ich auch schon Urlaub gemacht.

Sind Sie viel in der Schweiz gewesen?

Ja, wir haben manchmal Urlaub da gemacht oder sind mit der Bahn gefahren durch die ganze Kampagne. Und ich war auch 8 Tage lang in Zürich. Da war ich in einem Hotel, das gefiel mir sehr gut, Zum Storchen, da hat der Paracelsus früher mal gewohnt. Dann war man natürlich mal am Gardasee und in Genf und was man alles so hat, aber immer nur besuchsweise. Ich habe auch keine Berge erklommen, das war nicht so das Wahre für mich. Obwohl ich mir hätte vorstellen können, dass ich mal einen Monat oder 6 Wochen im Sommer so auf einer Hütte allein hätte gut leben können. Also für mich wäre immer wichtig – die Freiheit. So vom Raum her und die Weite, das ist für mich immer wichtig gewesen.

Gibt es irgendwas, was Sie stört in Konstanz?

Mich stört überhaupt nichts. (lacht)

Haben Sie noch irgendeine verrückte Erinnerung oder ein Ereignis was sich in ihrem Leben in Konstanz oder am Bodensee ereignet hat?

Ich habe am Bodensee keine aufregenden Erlebnisse gehabt, die letzten 25, 30 Jahre lief eigentlich alles ziemlich glatt und ich kann sagen, ich hätte im Leben immer sehr sehr viel Glück gehabt.

Inwiefern?

Ich habe einmal ein schweres Trauma gehabt. Mit 4 Jahren bin ich mal in einer Scheune… -die jungen Mädchen haben manchmal auf der Tenne in der Scheune gespielt. Und ich wollte schnell nachklettern, und die Leiter stand einfach so befestigt da, so senkrecht, und da bin ich runtergestürzt und dann bin ich mit dem Schädel auf die Narbe eines Wagenrades gefallen. Dann weiß ich nichts mehr. Man hat mir aber gesagt, ich wäre 14 Tage im Koma gewesen und hätte nicht mehr sprechen können, nur noch Papa und Mama sagen, ja. Und naja, das kann ich auch heute verstehen, dass ich gar nicht mehr richtig sprechen konnte. Das Trauma war nämlich hier auf der linken Seite und das Sprachzentrum ist links. Und es ging dann einigermaßen aber doch, man ist ja lernfähig als Kleinkind. Aber sie haben dann gedacht, aha ja, der ist auf den Kopf gefallen; und dann haben sie mich auf die sogenannte Höhere Schule 1 Jahr später geschickt. Aber aus diesem großen Trauma hat sich einiges entwickelt, was mir zu Nutzen war später. Wir wurden dann gemustert, die Jungs kamen alle nach Russland. Wir waren zu 8 damals, und 4 sind gefallen. Ich wurde auch eingezogen allerdings, hatte aber damals, weil ich ein Jahr später war, ich hatte nur Notabitur. Ich weiß nicht, ob das später vielleicht als richtiges Abitur gezählt hätte, aber das war jetzt gar nicht aktuell. Also ich war dann zu der Zeit, als die anderen ihren Kopf hinhalten mussten, an den Küsten Europas als Soldat bei einer Flakstation. Ich war in Cuxhaven, in Swinemünde, in Den Helder, also die Insel Texel, dann Brest, Nantes, Ancona, Rimini, Ravenna, Venedig – und das waren dann die Neuseeländer, die dann für die Amerikaner oder Engländer da gekämpft haben. Die hatten schon übergesetzt nach Italien und die kamen auch hoch. Die Kapitulation war, glaube ich, am 5. Mai 1945. Fünf Tage vorher haben sie uns gecacht, und dann haben sie uns in so ein eingezäuntes Areal da verfrachtet. Wir sind da paar Nächte noch geblieben und naja, dann gabs da, früher hieß das immer “Scheißhausparolen”: “Wo kommen wir jetzt hin? Wo kommen wir jetzt hin?” Und dann haben sie gesagt: “Ja nach Nigerien”, oder sonst was. Naja auf jeden Fall, eines Tages wurden wir dann verfrachtet auf ein Schiff und dann am Morgen: “Ja wo sind wir denn jetzt hier?” –  ”Alexandria”. Gut, also dann Ägypten. Ich kam in Camp 306, das war am Bittersee, und da ist das ja in Nordägypten, da steigt der Passat ab, der also vom Äquator kommt und die Luftmasse stieg wieder ab und deshalb ist immer blauer Himmel, und es regnet nicht, und es ist heiß. Es waren da ungefähr so 49 Grad dann im Sommer mal, wenns richtig schön warm war, aber das war deshalb nicht so schlimm, weil die Luftfeuchtigkeit nicht sehr hoch ist, vielleicht 25 Prozent, also das konnte man noch ganz gut verkraften. Wir haben dann also in Zelten gelebt, und im zweiten Jahr hab ich gehört, dass die ersten Schiffe repatriieren, also aus der Gefangenschaft nach Hause. Das war im Januar, Februar 1947. Ich glaube das war das erste Mal, dass ich gelogen hab. (lacht) Ich bin dann in das Revier gegangen: ,Also im letzten Jahr hatte ich solche Kopfschmerzen gehabt, also das möchte ich in diesem Jahr nicht mehr erleben.’ Und dann haben sie sich den Schädel angeguckt, glaube ich sogar eine Aufnahme gemacht, dann haben sie gesehen: Da ist es weiß, da ist es hell, da ist es dunkel. Und damals waren die Röntgenaufnahmen ja noch nicht so gut und weil mir ein Teil des Knochens da ja fehlt, haben sie gesagt: “Ja, das glauben wir Ihnen, dass Sie Kopfschmerzen haben”. Dabei weiß ich gar nicht, was das ist, ich hatte in meinem Leben noch nicht Kopfschmerzen gehabt. Und dann kam ich mit dem dritten Schiff schon nach Hause. Und dann fuhren – das habe ich dann später erfahren von einem Freund aus meinem Heimatort, der auch in Ägypten war,  der kam ein paar Jahre später und der sagte, es wären insgesamt 4 Jahre lang 65 Schiffe gefahren. Und ich kam gleich mit den ersten 3.

Und das waren alles politisch Gefangene?

Ja, das waren alles Soldaten, aber die hatten auch teilweise Funktionen, nicht wahr. Mein Freund, der fuhr für die Engländer da irgendwie Klamotten auf Lastwagen, und die haben dann Sachen verscheuert und mit den Arabern… (lacht)

Also haben Sie dann schon irgendwas gearbeitet?

Ja, die haben auch gearbeitet.

Sie auch?

Nein, ich habe nicht gearbeitet. Wir wurden also verschifft, das waren damals Frachtschiffe, auf denen wir transportiert wurden. Das nannte sich die Libertyklasse und  - naja, kann man sich ja vorstellen, dass ein Frachtschiff, wenn es schwer beladen ist, dass es dann guten Tiefgang hat. Und wenn dann ein paar tausend Soldaten da drauf sind, die wiegen ja nichts und deshalb war das dann so, im Mittelmeer machte das Schiff nur so: … Und da habe ich mal vorne am Bug gestanden, und da war mir auch ein bisschen übel. Da kamen meine Kameraden her, und dann hatten wir Windstärke 9, das fing dann an zu schlingern, das Schiff, das ging so und so, und kreuz und quer. Und ich hab dann mal geguckt; und außen, da lief einer: “Machen Sie ja, dass sie reinkommen!” Dann bin ich ins Schiff gegangen. Und dann war das erträglich, ich war nicht seekrank. Dann wurden wir aufgefangen bei Bremen, wurden von dort aus entlassen und da haben sie schon gesagt: “Ich glaube, denen müssen wir einheizen, die frieren” (lacht). Das haben sie auch gemacht, dann war ich also Ostern schon zu Hause und habe nachgefragt und habe gehört: “ja, es läuft noch ein Reifelehrgang”, für die, die nur Notabitur hatten, die konnten ein regelrechtes Abitur nachmachen. Dann klappte das auch. Mein alter Klassenlehrer der war dann auch noch in der Schule und naja (lacht).

Dann war es also so, in der Gefangenschaft, da lernte ich Konrad Schulde kennen und da hab ich mal gesagt ,was meinste denn? Ob man mal irgendwie studieren kann?’ Und er war aus Münster und dann hat er gesagt, ja, ich kann ja mal nachfragen, wir können ja jetzt schon Briefe schreiben und mein Freund der weiß das, der ist Oberstudiendirektor in Münster’ und der hat dann gesagt , ja, also wenn Sie ein anständiges Abitur haben, dann haben Sie die Chance, nach einem Vierteljahr Aufbau können Sie dann anfangen mit dem Studium.’ Und wir haben dann mit Presslufthammer Akkord gearbeitet. Das Schloss war abgebrannt und es hatte solche breiten Mauern und wir haben dann drauf gestanden und haben das abgebaut. Und in 3 Tagen mussten wir so und so viel machen und nach 2 Tagen waren wir fertig und dann waren wir so stolz (lacht). Dann konnte man nach einem Vierteljahr im Wintersemester das Studium anfangen. Dann habe ich das Physikum aber nur da gemacht und dann war ich ein Jahr in Innsbruck und da hat der Chirurg da immer gesagt: ,Ihr Reichsdeutschen, ihr seid immer nur da, um Ski zu fahren, aber vergesst mir diesen Finger nicht, ja’. Also ich war ein Jahr in Innsbruck und dann musste ich mal sehen, wo es ein bisschen ruhig ist und dann habe ich in Marburg mein Examen gemacht. Dann war es so, einer aus meinem Bezirk, aus dem Dillkreis, der wollte immer, die die Examen hatten, eine Stelle besorgen, weil er offenbar ein, bald hätte ich gesagt, ,Kreisbessessener’ war, dass alle, die von da waren, dass man versucht, die unterzubringen. Naja, dann kam ich aber, an sich wollte ich Internist werden und dann hat er gesagt , ja im Augenblick ist da nichts frei, aber Sie können probehalber ein halbes Jahr in die Haut.’ Dann dachte ich, ja gut, kann man ja als Sprungbrett nehmen und dann kam ich da hin und habe aber damals schon gesagt ,also das kann nicht die wahre Medizin sein’, das eine Bett war schwarz von Teer, das andere Bett des Patienten war grün von Brillantgrün und das dritte war violett durch Pyoktanin und naja, wie dem auch sei, als das halbe Jahr rum war, hat der Chef gesagt, ,ja wollen Sie nicht dableiben?’ Dann habe ich gesagt, ich bleibe hier, es gefällt mir recht gut. Denn der Bezug von Haut auf Innere und Krankheiten ist ja auch gegeben, ich finde das sehr interessant. Ich war also lange Zeit in der Polyklinik und das war also wirklich sehr gut.

Naja, dann ist es so, wenn man 4 Jahre da ist, dann sollte man sich habilitieren, aber die Themen, die man mir vorgeschlagen hatte, die gefielen mir nicht. Auf jeden Fall, wie das war, was es an sich damals gar nicht gab, der Chef hat mich weiter verlängert. Dann war ich bald 8 Jahre da, dann hat er mich wieder verlängert. Inzwischen war ich sogenannter wissenschaftlicher Rat und war nicht mehr kündbar. Naja und dann hab ich gemerkt, was da in den Kliniken alles so läuft und was nicht läuft und dann hab ich gesagt ,also auf die Dauer gesehen, ist das nicht das Richtige für mich, ich mach mich selbstständig’. Ich war dann in Dillenburg und habe da angefangen mit der Praxis. Dann war ich mal hier und da und als ich nach Konstanz kam, habe ich Allgemeinmedizin gemacht. Aber dann hab ich auch von wegen der Erlebnisse, das fällt mir nämlich grad ein, während der Zeit…Und wenn ich das erzähle, dann muss ich immer weinen und zwar – kommt schon wieder, sehen Sie – eines Tages hat eine Mutter auf einem Bauernhof angerufen und hat gesagt, die Pia ist vom Traktor überfahren worden, der Vater hat das Kind überfahren. Ich habe dann nur noch gebetet und habe gesagt ,ja, was soll ich denn? Das Kind ist doch Matsch! Da brauch ich doch gar nicht hinfahren und und und…Es waren 4 Kilometer und das war also wie eine halbe Stunde oder Stunde für mich, das war schlimm. Auf jeden Fall, war das so, die Kleidung konnte man sehen, nicht wahr, die Mutter hatte das Kind schon ausgezogen und auf der Kleidung sah man, dass die Hinterräder über das Kind gefahren waren und der Vater wusste das auch, der hatte noch gesagt ,es hat gehubbelt, was war denn da? Ich hab doch gar nichts im Hof liegen’. Das war einfach so ein Schotterhof, das war nicht gepflastert oder so und dann hat er das Kind da zwischen den Rädern rausgezogen und die Mutter, die war damals schon ziemlich couragiert und hat das Kind ausgezogen und hingelegt und ich habe es mir angesehen, habe noch geguckt. Der Puls war ein bisschen langsam, Pupillen waren nicht starr und es hat nicht geweint und gar nichts gemacht, es war einfach stumm. Was machen wir jetzt? Also ich konnte gar nichts sehen, am Körper war nichts, keine Flecken, nichts kaputt. Da konnte ich so nichts feststellen. Dann haben wir die Kinderklinik angerufen. Das Kind ist dann in die Kinderklinik nach Singen gekommen und am 2. Tag fing das Kind an und fuhr auf dem Dreirad und am 3. oder 4. Tag wurde es entlassen als unverletzt. 80 Zentner hat der Traktor gewogen, hat mir der Vater gesagt. Da setzt doch irgendwas aus, ja. Gedanklich. Das konnte nicht sein an sich, ja. Aber dann sagt man ja , ach, das hat es auch schon gegeben, da ist ein Kind aus dem 6. oder 8. Stock gefallen und war fast unverletzt, hat man auch schon gehört, und ist dann unten in so nen Busch reingefallen. Aber dieses Ereignis, das war für mich so ergreifend, dass ich gesagt habe, da waren andere Kräfte im Spiel. Und das ist nicht das erste Mal gewesen, nicht wahr, zwar nicht in dem Ausmaß, aber mir ist keiner gestorben. Da hab ich gesagt, das ist irre, ich habe doch ewig Glück, sage ich dann. Und ich bin auch sehr dankbar, dass es mir an sich so gut geht. Ich bin also innerlich und äußerlich sehr zufrieden mit meiner Situation.

Gibt es noch irgendwas, was Sie sich für die Zukunft wünschen?

Ich habe noch Wünsche in der Form, dass ich also manchmal bete und sage: „Herr, jetzt bin ich schon so alt, aber wenn du meinst, ich könnte noch ein bisschen was Gutes für die Menschen machen, dann darf ich vielleicht noch ein bisschen leben. (lacht) Ansonsten habe ich – als Wunsch könnte man sagen, es könnte alles so bleiben, wie es ist, eben weil ich zufrieden bin mit meinem Los. Es ist so okay. (lacht)

Das ist schön, wenn man das sagen kann.

Ich habe keine Resentissements, denjenigen, die mir weh getan haben oder denen ich vielleicht auch wehgetan habe, denen habe ich von Herzen vergeben und ich habe also keinen Groll gegen jemanden , es ist einfach gut so. So wie es ist, ist es gut. Achso, ja, das ist auch noch ein Satz von mir! Auch wenn es mir manchmal eben nicht so ganz gut ging, habe ich immer gesagt: So wie es ist, ist es gut. Weil ich ja schon oft erlebt habe, dass ich das in dem Augenblick nicht einsehen kann, ob das gut für mich ist oder nicht und nachher hat sich dann herausgestellt, es war gut für mich! Und deshalb sage ich: So wie es ist, ist es gut. (lacht)