173# Siehst Du, jetzt hast Du doch wieder eine Heimat gefunden

Ort Datum
 Niederburg  5.12.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 11:06  12:43
Geschlecht Alter
 m
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Alzen / Oberschlesien

 

Die erste Sache ist natürlich, warum ich überhaupt nach Konstanz gekommen bin. Wie ich daher gekommen bin. Was ist das überhaupt – Heimat?

Wir hatten einmal einen Film gehabt – der Wolfsperger – und da hab ich einen Kiesgrubenbesitzer gespielt. Da kam dann die Presse und hat gesagt: „Sie drehen da einen Heimatfilm, was haben Sie da zu sagen?“ – Ich konnte überhaupt nichts sagen. Weil ich gar nicht verstanden habe, was der da haben will. Aber jetzt über die Jahre…

Zunächst mal ist es so: Ich stamme natürlich von Oberschlesien. Dann, nach diesem Krieg, da kam dann die Situation, wo es geheissen hat – so, alle Deutschen können in Polen bleiben, aber sie müssen die polnische Staatsangehörigkeit übernehmen. Dann können sie hier bleiben. Und wir haben gesagt – nee, das wollen wir nicht, das machen wir nicht…  – Also, dann müsst Ihr raus. OK. Und darum sind wir hier in den Westen gekommen. Zwei Regeln: Es gibt die Flüchtlinge – und dann gibt es die Heimatvertriebenen. Das sind zwei verschiedene Dinge. Und meine Persönlichkeit ist ein Heimatvertriebener. Und dann komme ich wieder auf die Heimat zurück…

Wir kamen dann nach Bühl, und in Baden – Baden hab‘ ich Bäcker gelernt.

Ein Problem hab ich natürlich gehabt, weil wir nicht in die Schule gehen durften. Also in Polen. Deutsch war sowieso absolut verboten zu sprechen, da musste ich zuerst einmal Polnisch lernen. Und das war schwer. Ich weiss noch – Mutter hat gesagt: Jetzt lern‘ mal: Sechs mal Sechs ist Sechsunddreißig. Und das heisst: (… Einfügen! Michael?) Merkt Euch das mal! Also gut, dann kamen die Leute in die polnische Schule, da bin ich ein Jahr gegangen, dann war aber schon raus. Jetzt kam ich daher, natürlich, nach Bühl, und da hat‘s geheißen: Was wollen Sie überhaupt hier, Sie sind doch viel zu alt, um noch in die Schule zu gehen. – Da war ich so vierzehn Jahre.

Also gut, dann hat man so ein bisschen so was gelernt, wie‘s geht – und dann hat man natürlich hier den Bäckerberuf gemacht. Da war ich noch in Bühl. Und dann wollte ich auf den See. Weil ich gerne Fische esse. In der Zeitung war eine Bäckerstelle in Radolfzell. So kam ich nach Radolfzell. Und dort hab‘ ich meine Frau kennen gelernt. Und zwar: Ich war beim Roten Kreuz, da war der Aufstand damals in Ungarn. Da stand ich mit der Büchse auf der Strasse und hab gesammelt. Und bei dem Sammeln, da kam eine Frau, eine Kollegin, die hab‘ ich schon gekannt – und da war meine Frau dabei. Und ich natürlich: „Diese Frau muss ich haben!“ – Und dann ging das wieder auseinander, die haben mir da Geld reingeworfen – aber eines Tages habe ich sie wieder getroffen. Gott sei Dank.

Und – es ist so: Jetzt hat man eine Heimat verloren. Ich hab – gut, da war man noch jung, das war egal… Aber trotzdem hab‘ ich ein bissel gehabt: Mein Gott, das… (Das Telefon klingelt: Melodie Carmen) Ich will mal schauen, wie wir jetzt weitermachen. Und durch meine Frau, wo ich geheiratet habe nachher in Konstanz, hab‘ ich eine Heimat schon gehabt. Und die hab‘ ich respektiert. Dann hab ich die Bäckerei gehabt. Und dann – es war natürlich Konstanz für mich sehr interesssant die Stadt, weil ich sehr gerne solche alten Sachen mag. Das interessiert mich – Geschichte und so weiter. Und dann hab ich mir gedacht: Siehst Du, jetzt hast Du doch noch eine Heimat gefunden.

Und – das mag alles Recht und gut sein, aber trotzdem im Hinterkopf kommt Dir das immer so vor, wenn Du mit einem Konstanzer zusammenkommst: Ach, wir treffen uns jeden Monat einmal, ein Schultreffen und so weiter – und dann quält Dich das ein bisschen. Das hast Du ja gar nicht gehabt, so was. Und dann kommt man in so ein Ding rein und sagt: Ach was, was willst Du, Du hast doch Deine Kollegen. Und so hab ich mich in die Stadt Konstanz, gerade in die Niederburg verliebt.

Ich habe sehr, sehr gute Leute kennen gelernt. Das war ja für mich auch nicht so einfach. Hier waren drei Bäckereien, oder sogar vier. Und jetzt kommt da ein Ausländer und will da eine Bäckerei eröffnen. Das geht doch gar nicht! Und trotzdem haben sehr viele Konstanzer – also Niederbürgler – uns ganz groß unterstützt. Obwohl – ich war auch ein offener Mensch, ich habe mich auch geöffnet – ich war beim Roten Kreuz, da habe ich auch eine Sympathie gehabt.

Die Bäckerei habe ich übernommen, die gab‘s vorher schon. Der Vogel war drauf, und der hat auch bloß in Pacht hier gewohnt. Das ist überhaupt die älteste Bäckerei, die es hier in Konstanz noch gibt. Jetzt haben wir hier natürlich nur noch die Filiale, aber hier gibt es ja immer noch Brot. Das war für mich jetzt auch diese Situation, ich hab‘ gesagt: Ich möchte hier in dieser Niederburg, dass hier noch ein Geschäft ist, wo man noch ein Brot, das Mehl, Kuchen und so weiter einkaufen kann. Mir ist egal, was die Pacht kostet – Okay, er will leben, ich will leben… Mir reicht das. Und das ist eine Auffassung – es gibt ja absolut nicht mehr hier was.

Und so hab ich dann natürlich auch gesagt – gut, ich hab mich da richtig wohl gefühlt und hab gesagt: Siehst Du, jetzt hast Du doch wieder eine Heimat gefunden. Seit 59 bin ich in Konstanz. Als Bäcker ist man dann so – in dieser Bäckerei, in dieser Bäckerei, in dieser Bäckerei – ist man so rumgezogen. Und man hat natürlich Erfahrungen gesammelt. Jeder Bäcker hat eigene Spezialitäten. Dann habe ich den Meister gemacht und gesagt: Entweder, Du machst Dich selbstständig, oder Du gehst zu der Bundeswehr als Meister. Da hätte man auch einen guten Job gehabt – als Meister hätte man auf jeden Fall gleich eine gute Position bekommen. Dann hätt‘ ich wegmüssen aus Konstanz. Und dann – man hat natürlich auch schon viele Pläne gehabt. Ich sollte mal nach Wilhelmshaven. Dann wollten wir mal schön auswandern nach Australien. Ein Niederbürgler, der hat in Australien gelebt. In der Konradigasse hat der gewohnt. Wenn er hier war, hat er gesagt: Herr Gandor, kommen Sie nach Australien, Sie können alles mitnehmen, die ganzen Maschinen und alles, Sie werden dort empfangen… Also da hat man noch gesucht, in den sechziger Jahren. Aber ich hab gesagt: Nein, ich bleibe jetzt hier, und ich will hier nicht mehr weg. Ich bin schon so lange gerast – und jetzt hab ich hier in der Niederburg, also in Konstanz hab ich einen Fuß gefasst bekommen, und hier bleib ich aber auch.

Man sieht heute auch viele Leute sagen – ja, also, sie leben hier – Albaner und wie die sind oder Türken auch – die leben hier das ganze Leben, und beerdigt werden wollen sie zu Hause. Da habe ich gesagt – Nein, das will ich nicht. Ich hab hier gearbeitet, ich hab von hier das Brot gegessen – und hier will ich auch beerdigt werden. Jetzt hat sich natürlich im Osten alles anders geändert – also diese Chance hätte man gehabt, dort sich beerdigen zu lassen. Aber: Hier hab ich gelebt. Hier hab ich meine Kinder, meine Enkelkinder. Und hier will ich auch bleiben. Und dann hab ich gesagt – Wenn ich mich beerdigen lass, dann oben in Allmannsdorf. Weißt Du, warum? Auch eine Schnapsidee, aber – man weiß ja, da ist der See gleich unten, und als Leiche, na, das Wasser läuft ja mit dem Leichendings da unten und geht in den See. Na, das ist doch interessant. Vielleicht komm ich dann noch – ein Teil von mir da in den See rein, das steigt auf die Wolken, Regenwolken – vielleicht kommt ein Wind und jagt mich mal noch in meine Heimat zurück. Und dort komm ich als Regen wieder zurück. Also eigentlich – interessante Geschichte, gell?

Ich war auch in dem Verein drin von unserem Dorf in Schlesien und hab mich sehr stark gemacht für die – Zusammenkunft. Wenn ich immer so gesprochen hab – ah nein, Polen

und das und des und jenes, da wollen wir nichts mit zu tun haben. Und dort durfte man das nicht machen, und hier… Und dann bin ich mal hingefahren, nach Polen, weil ich noch Polnisch sprechen konnte, und bin dort auf die Ämter gegangen. Und wenn Sie die Sprache beherrschen, da geht vieles auf. Ich hab gesagt: Ich möchte noch mal mit unseren Leuten, Landsleuten, hier herkommen, nach Alzen (?), und mit Euch feiern. Eine Versöhnung. Ihr habt Ärger gehabt und Plag, wir haben dann Ärger und Plag gehabt, versuchen wir jetzt, eine Brücke zu machen. Und versuchen wir mal, endlich Frieden reinzubekommen. Es geht ja nur so. Immer schimpfen und meckern, das bringt uns gar nichts. Und so habe ich dort tatsächlich einen ganz guten Erfolg gehabt. Vor zehn Jahren waren wir das erste Mal dort. Jetzt waren wir schon fünf Mal dort, und die kommen wieder rüber. So denkt man sich, man hat doch irgend etwas politisches geleistet. Auch wenn man so klein ist, kann man doch immer zu der Verbindung was machen. Das find ich einfach schön.

Die junge Generation, muss ich sagen, denkt ganz anders. Es sind vielleicht noch so ältere, verkorkste, ob das jetzt von uns welche sind, oder ob das noch von Polen welche sind – aber die jungen Leute, die sind ganz anders. Das hab ich auch selbst gemerkt, wo ich dann noch in die Schule gegangen bin. In die polnische Schule. Ich musste dann in die Stadt gehen, im Dorf hat man mich nicht aufgenommen. Ich kann mich erinnern, ich bin da in die Schule reingekommen, in die Klasse, und da sagt die Lehrerin: Richard, komm mal vor. Warum gehst Du nicht in Alzen in die Schule? – Ja, man hat mich nicht aufgenommen. – Bist Du ein Deutscher? – Ja. – Setz Dich wieder hin. Aber von den jungen Leuten, meinen Schulkollegen, nie, nie, dass die irgendwie Hitlerowski oder sonst irgend was gesagt haben. Das muss ich denen auch gross anrechnen. Wenn man auch so schimpft über das und jenes – das ist wieder das Jugendliche, das Kindliche. Da wird nicht groß rumgemacht. Oder sie werden von den Eltern gehetzt. Das passiert dann auch – dann übernehmen die das. Aber wenn sie frei sind, dann interessiert das nicht, was Du für ein Mensch bist. Wenn Du ein kollegialer Mensch bist, dann bist Du in Ordnung.

Ja, und so hab‘ ich hier in Konstanz die Heimat gefunden.

Ich habe einen Film gemacht: Das Leben in der Niederburg. Ja, das war ja auch so eine Sache: Wie komme ich zu diesem Film, fragen viele Leute. Na ja, sag ich – mit den alten Niederbürglern hab ich mich unterhalten: Ach, Herr Gandor, das war früher so und so, da hat man den Jägermost (?), bei den Hofmeistern, da standen sie bis zu der Laube mit den Kühen und haben das Obst gebracht, um den Most zu machen. Und die andere hat gesagt, ja, mit den Fischen, da ist man rumgegangen und hat gesagt: Fische, frische Fische – und hat den Leuten das angeboten. Da hab ich gesagt: Jetzt musst Du was festhalten. Sonst verschwindet das, die Leute sterben aus. So habe ich dann den Film gemacht, und der ist dann sehr gut angekommen. So ist halt diese Geschichte, was man so erlebt hat. Als Vertriebener hier her – Heimat…

Überhaupt Film. Der Wolfsperger, das war so ein junger Regisseur, der wollte da Film machen – der macht ja heute auch noch Filme. Am Anfang hat er angefangen mit der 08-Kamera, da hat er so Probefilme gemacht. Da hat er mal im Südkurier gehabt: Er suche einen korpulenten Herrn. Ich war damals noch – als Bäcker war man… Meine Mädels – ich hab zwei Mädels und einen Jungen – die haben ein Foto von mir genommen und haben das nach München geschickt. Damals hat er in München gewohnt. Und eines Tages kommt da hinten jemand rein mit einer Frau: Herr Gandor, ich suche einen korpulenten Herrn, und ich hab das Bild gesehen von Ihnen. Und ich muss Ihnen sagen: Ich kann Sie gebrauchen. – Was?! – Die Kinder haben hinten gelacht. Ich wusste gar nichts – gelesen hatte ich das in dieser Zeitung, aber ich hatte ja keine Zeit für so was. Und so kam das zu dem Wolfsperger, so kam ich da jetzt rein. Da hab ich natürlich viel, viel, viel gelernt bei dem Ganzen. Ich habe zwölf Filme gemacht. „Kies“ – und dann war noch „Himmelfahrt zum Paradies“. Da saß ich mit der Christiane Hörbiger in der Maske, da sagt sie zu mir: Herr Gandor, jetzt sagen Sie mir mal, an was für einem Theater sind Sie eigentlich so? Ich dachte – Oh je, oh je. – Ah! Gestern kam ein Film – „Kronprinz Wessely“: Da haben Sie doch die Hauptrolle gehabt mit dem Rudolf Prack, das war doch interessant für Sie? – Jajaja. – Und – so hab ich das Thema weggehabt. Sonst hätte sie gedacht: Was? Ein Bäcker? Aber eine hervorragende Person, diese Schauspielerin. Wissen Sie, es gibt gute Schauspieler, die helfen einem. – Schau mich an. Schau mich an… Wenn ich den Text vergessen hab – ich geb Dir den Text in den Mund rein, wenn die Kamera – ah, heute lauft das ja alles anders. Und zwar die Klappe hat mich nervös gemacht. Das Klatschen, das war für mich – da wußt ich nicht mehr weiter. Und dann hat die mir das in den Mund reingegeben. Das waren sehr, sehr feine Leute. Und dann gibt es wieder solche affigen Personen, die da alle paar Minuten zu der Maske gehen wollen, da gibt es schon immer Ärger am Set. „Hören Sie jetzt auf mit dieser Maske da!“. Man merkt dann schon, dass das nicht so das klassische ist. Heutzutage macht man sowieso so wenig wie möglich, Schminke.

Mit dem Wolfsperger waren wir dann immer auf Filmfestspielen. Da lernt man dann natürlich auch Personen kennen… So kommt man auch dann in die Branche rein. Ein ganz harter Job ist das – Schauspieler! Pünktlichkeit, Disziplin – und so weiter.

Douglas Wolfsperger hat eine Eintrittskarte gehabt für das Filmfest in München. Dr. Bolley, ein Filmförderer, war dabei und ich – und Douglas. Mit der einen Karte kommen wir ja gar nicht rein! Ich war damals noch stabil, einen schwarzen Mantel angehabt, Schal und so – da war am Einlaß eine Frau, ein Seil – ich bin drauf zugelaufen, und sie hat das Seil einfach runtergemacht. Die hat sich nicht getraut, zu fragen: Wo haben Sie Ihre Karte? Das war interessant. Und da hat man natürlich viele Leute kennen gelernt. Regisseure, Produzenten. Ich kann mich noch erinnern an den Peter Maffay, der war dann auch anwesend. Der ist ja wahnsinnig klein!

Da, wo wir damals den Film gedreht haben, „Lebe kreuz…“, das war ja eine Sensation in Konstanz. Da haben wir draussen den Sarg stehen gehabt und da haben die Statisten gesessen und haben gevespert – haben auf dem Sarg gegessen! Die Leute: Was! Was ist denn da los? Wieder jemand gestorben? Der Gandor? – Das war Wahnsinn. Und das war überhaupt das erste, was der überhaupt hier gemacht hat, im ganzen Bodenseebereich. Douglas Wolfsperger hat die Schönheit des Sees erkannt, und er hat angefangen, die Filme da zu machen. Heute gibt es ja Tatort usw. – ganz große Sachen, das Geschäft läuft hier.

Theater habe ich dann gemacht auf der Insel Reichenau. Die Ute Fuchs, die ist eine Schauspielerin, die hat dort immer so ein Sommertheater gemacht. Wir haben mal zusammen gedreht auf der Fähre. Es war ein Nachtdreh, und da haben wir uns lange unterhalten. Da sagt sie: Weißt‘, Richard, ich tät Dich so gerne mal gebrauchen – aber ich weiß nicht, ob ich das finanzieren kann. – Da sag‘ ich: „Ute, wenn Du mich brauchst – ich komm‘ gerne! Kostenlos! – Vier Jahre habe ich dann bei ihr mitgemacht. Aber dann hab ich gesagt, das kann ich auch nicht mehr, weil: Ich hab ein Fischerboot. Wir haben gehabt sechs Wochen Probe, drei Wochen Vorstellungen – da war der Sommer weg. Mein Boot hat da gestanden…

Dieses Jahr hab ich es verkauft. Das tut manchmal noch etwas weh – ein Boot ist auch etwas sehr persönliches. Sturm und Wind und alles – da hängt Dein Leben dran. Ich bin immer um vier Uhr in der Früh in der Backstube gestanden – und dann, wenn ich fertig gebacken hatte, hab ich manchmal mein Bündel geschnürt und bin auf den See. Ich hab auch Fische rausgezogen – manchmal war‘s gut, manchmal war‘s nicht so gut. Wie‘s halt so ist. Schöne Ausflüge waren das, wie die Kinder noch klein waren, Richtung Meersburg und dann noch weiter – ach, das war herrlich! Alles! Die Ruhe gesucht und den Genuss. Und die Phantasie, natürlich! Man ist ja auch ein bisschen künstlerisch veranlagt, sonst könnt‘ man das gar nicht alles machen.

Sich immer umstellen – ich musste mich ja auch verdammt anstrengen beim Drehen. Die haben ja nicht gefragt: Sie sind Bäcker? – Da war immer der Profi gefragt. Da hab ich auch gesagt: Jetzt mach‘ ich‘s nimmer. – Wir waren in Bieberach bei den Filmfestspielen, da hab ich den Britzinger kennengelernt, der den Tatort macht. Und der Douglas hat zu ihm gesagt: Du, hör mal zu, Du kannst ihn gut gebrauchen. Guck, was in seiner Kritik steht, was der Münchner Merkur geschrieben hat: Fassbinder tät sich freuen, wenn er den Gandor hätte. Da hab ich ihm geschrieben, dem Britzinger: Es tut mir leid, ich kann das nicht machen. – Heute läuft alles noch schneller, noch anders.

Ich habe eigentlich keine Möglichkeiten gehabt. Als Kind hab‘ ich geträumt: Zahnarzt oder Förster wollt ich werden. Absolut was ganz anderes. Aber dann hat‘s geheissen: Lern Bäcker, dann hast Du keinen Hunger. Es war ja immer so: Das Wichtigste war, die Nahrung zu haben. Wenn ich so zurückdenke, als Kind -  da musste ich auch betteln  gehen um Kartoffeln in Polen. Es war doch eine interessante Zeit, ich hab das nicht so für tragisch genommen alles. Wenn man nichts anderes kennt, dann ist es so.

Ich habe heute gerade die Weihnachtsbäckerei gemacht, ich habe gestern auch schon gearbeitet. Die ganze Gasse hat schon wieder gerochen nach Nüssen und so. Heute hab ich noch ein bisschen was zu machen, dann bin ich fertig. Das ist aber einfach Weihnachtsbäckerei für meine Kinder und Enkelkinder. Ich esse das auch immer noch gerne…

Wenn ich vor einem Café stehe, dann gucke ich auch zuerst mal: Was ist da los? Ich sage: Man muss den Beruf lieben. Wenn man den nicht liebt, dann braucht man gar nicht anfangen. Ob Du Schreiner oder Steinmetz oder weiß Gott was bist. Man macht eine Grundcrème, zum Beispiel. Die Grundcreme muss jetzt abgeschmeckt werden – Mokka, Schokolade, Zitronentorte… Da gibt es viele Möglichkeiten, das muss man selber abschmecken. Heute, überall diese Backshops…

Gerade in diesem Film „Lebe kreuz und sterbe quer“, da ist ja auch so ein bisschen etwas mit dem Backshop – ich hab die Schnauze voll. Ich bring mich ja um – und dann komm ich wieder bei der Beerdigung und guck, was für Ganoven da sind. Ich hab einen Kollegen, der ist Arzt, da sag ich zu ihm: Du, Du könntest mir einen Gefallen tun! – Ja, was denn? – Das hört man nicht, was ich sag… Ich stürz dann von dieser Treppe runter und bin tot. Da ist diese graue Messe hier, alle sitzen hier und die Orgel spielt da. Und ich komm hinten rein und guck. Dann ist das große Fest da, wo sie alle saufen und raufen – meine Beerdigung! Und plötzlich steigt der von da unten auf… Aaah! Ein Untoter! Und dann jagen sie mich! Eine Unverschämtheit! Und dann renne ich durch diese Altstadt hier, den Münsterhügel hoch. Und da kommt ein Auto – und dann hat mich das Auto totgefahren. Und dann lachen die alle noch. Dann liegt er da, und alle stehen ringsherum und lachen und lachen. Da hab ich auch gefragt: Warum lachen die so blöd? Aber nun: Wahrscheinlich macht er uns wieder ein Spektakel.

Die Backszene ist bei mir in der Backstube. Die ist interessant, da haben sie am meisten geguckt – wie man die Teige macht mit der Hand, die Brezeln. Heutzutage muss ich Dir leider ehrlich sagen, in diesen Backwaren, was da von weiß Gott woher kommt, von Afrika, die fix und fertigen Teiglinge – da sind mindestens 22 Prozent chemische Bestandteile drin. Es ist so: Ein Backvorgang, wie wir ihn früher gemacht haben, der ist auf Natur gemacht. Abends mussten wir schön antreten, und für jede Brotsorte muss man solche Vorteige machen. Hier ist ein ganz normaler Zyklus gelaufen von Säuren, Natursäure war das alles. Am anderen Tag hat man dann von dem das Brot gemacht. Da hat man nur genommen: Hefe, Salz, Wasser und das Mehl. Für Brötchen hat man dann noch genommen eine gemahlene Gerste, nur als Bräunigung. Das war alles.

Und dann haben die Firmen, die Großfirmen angefangen, billig anzubieten. Da hat‘s geißen: 10 Brötchen – eine Mark. Du hast verkauft Dein Brötchen für 15 oder 20 Pfennige. Da hat‘s geheißen: Ich kauf‘ doch nicht bei dem Bäcker! Und so ging‘s Schritt für Schritt ging das. Und ich hab immer gesagt: Passt auf! Eines Tages wird das noch ganz anders! Wenn die das ausgeräumt haben, dann heißt es: Jetzt sind wir die Herren, dann bestimmen wir die Preise. Bei Textilien ist es genau das selbe Problem: Wir wollen billig haben, wir wollen billig kaufen – und andere Menschen müssen billig arbeiten dafür. Und was dann da drin ist – keiner weiß das…