182# mit dem selbstgebastelten Floß den Rhein entlang

Ort Datum
 Hafen  31.10.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 8.40
Geschlecht Alter
 männlich
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 32
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Augsburg

Foto: 397,398

Ich komme ursprünglich aus Augsburg. Seit 32 Jahren bin ich jetzt schon hier, 32 Jahre. Das Biologie Studium mich hier hergetrieben und dann bin ich geblieben. Im Biohandel arbeite ich inzwischen. Ich habe mich am Anfang einfach so durchgeschlagen. Ich sag manchmal: Ich darf da arbeiten, wo andere Urlaub machen müssen. (lacht) Der See ist eine Orientierungshilfe. In Augsburg gabs den Lech, der war da für mich eine Orientierungshilfe. Also, wenn ich wusste, wo der Lech war, dann wusste ich wo ich bin. Und wenn ich weiß, wo der See ist, dann… – Nur geographisch! Ich habe mir nie Gedanken drüber gemacht, was der See menschlich mit mir macht. Er ist ein Gewässer. Er ist halt da. Manchmal ist der fischig. Ich riech auch nicht mehr gut in meinem Alter. Ich würde sagen, er ist geruchsneutral. Es sei denn, es ist Sommer und die Algen modern am Ufer, weil das Wasser zurück geht, dann riecht er halt fischig. Er wird wahrscheinlich schon einen Geruch haben, aber die Nase ist ja phasisch-tonisch. Wenn man das immer hat, dann nimmt man das nicht mehr wahr.

Ob ich hier wegen des Sees bin? Das kann schon sein. Also, ich stelle mir vor, gerade in einer Stadt zu leben, in der es kein Gewässer gibt… Puh. Aber ich denke, da sind schon andere, sag ich mal, Landmarken, die irgendwas ausmachen: Berge. Oder so etwas in der Art.

Es ist auch so ‘ne Sache: ich bin jetzt dreißig Jahre hier und erlebe das dreißig Jahre. Ich kann jetzt nicht sagen, ob ich anders wäre, wenn der See nicht da gewesen wäre. Also, die Stimmung ist ja schon sehr beruhigend, gerade jetzt im Moment. Nebel macht mir inzwischen nichts mehr aus. Ja, man kann sich wirklich dran gewöhnen. Also, in Ihrem Alter, ich weiß jetzt nicht genau wie alt Sie sind, aber da hat mich der Nebel ganz schön bedrückt. Wenn die Saison mit dem Nebel jetzt anfängt und es wochenlang grau in grau ist, dann geht es mir schon auf den Keks. Aber da gibts ja eine Möglichkeit: man muss ja nur Richtung Stockach oder einfach in ne höhere Lage, dann ist er nicht mehr da. Das haben wir früher oft gemacht.

Das ist so wie mit einem Kind: wenn das neben einem wächst, erlebt man das nicht, wie es wächst. Ich würde sagen, der See hat sich nicht groß geändert. Das ist natürlich auch immer die Frage, wie ich mich persönlich ändere, und wie sich dadurch auch meine Wahrnehmung ändert. Das kann ich nicht genau sagen. Ich kann aber sagen, dass er früher einfach wesentlich verschmutzter war. Ich kann mich auch an Zeiten entsinnen, da war hier immer so Schaum. Von Waschmitteln oder weiß der Teufel, wo das herkam. Und das ist eben nicht mehr – wegen der Kläranlage und so. Ich finde nicht, dass er sich groß geändert hat. Ich denke, er ändert sich auch in sehr großen Zeiträumen.

Ich bin mal mit einem Floß vom Wassersportgelände nach Breisach gefahren. Das war ein Abenteuer. Ja, ein selbst gebasteltes Floß. (lacht) Drei Wochen hat das gedauert. Mit einem Freund zusammen. Das waren drei Bettroste, zwei waren so und der dritte so. Das haben wir nur mit Schnüren verbunden wegen der Stromschnellen in Rheinfälderlaufen – so heißt das, glaube ich – da sind wir einfach durch gefahren. Das war vollkommen flexibel. Zurück sind wir getrampt. Das Floß haben wir in Breisach in eine Böschung gestellt und da stehen lassen. Das war ein halbes Jahr später nicht mehr da. 84, 85 war das glaube ich. Man verlässt die Zivilisation nicht. Ich hatte auch ein Postsparbuch zu der Zeit, dann haben wir in den Käffern angehalten und ich konnte zur Post gehen und einkaufen. Ja, wir haben schon an Land übernachtet. Es hat auch mal eine Woche lang geregnet, da haben wir  einen Schuppen gefunden und haben dann eine Woche im Regen gesessen. Ein Paddel hatten wir. Wir hatten auch ein Segel, aber das ist gleich…: Da sind wir in die Rheinmündung rein, und da ist das abgebrochen. Es hat uns einfach in die Böschung reingehauen. Das war nicht sehr manövrierfähig. Das war auch lustig. In Basel, also bei Rheinfelden, fängt dann ja die Industrieschifffahrt an. Da war’s dann wirklich unangenehm. Ich weiß nicht genau, wie viele Kilometer das waren. Ich schätze so 200.

Ich weiß nicht, wie meine emotionale Beziehung zum See ist, weil ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht habe. Der See ist nichts, was herausragt – ich habe auch zum Fürstenberg – irgendwie Erlebnisse gehabt und, ja, eine Beziehung. Oder die Wälder, die Stadt – ich würde nicht sagen, dass der Bodensee irgendwie aus der Masse heraus sticht. Wenn der See nicht wäre, wären die Menschen vielleicht schon anders. Ich denke einfach: Wenn die Umstände sich ändern, ändert sich der Mensch auch. Das ist einfach normal.

Ich finde die Konstanzer ziemlich stur. Und ich finde sowiso den Südwesten Deutschland politisch ziemlich schlimm. Also, Schwarzbraun. Das habe ich eigentlich öfters erlebt. Also, damals war ich auch einfach ein langhaariger freakiger Student. Ich habe sehr viele Kontakte nach Berlin – es ist einfach ganz anders da. Das ist hier schon ziemlich provinziell und miefig. Ich bin trotzdem hier geblieben, aber das hängt auch sehr viel mit meinem sozialen Umfeld hier zusammen. Also, ich wohne jetzt die ganze Zeit in derselben WG. Jetzt sind wir fünf. Früher waren wir zehn. Ja, seit der Studienzeit in der selben WG – auch in der selben Wohnung! (lacht) Gemischt. Das ist halt – ich bin hier einfach auf eine Art erwachsen geworden.

Um Stein am Rhein hat uns ein Kumpel herum gefahren. Den haben wir angerufen und dann kam er mit seinem Auto mit nem Dachgepäckträger angefahren. Ein halbes Jahr später sind wir ja noch mal hingefahren, aber da war das (Floß) nicht mehr da. (Ja, das wäre lustig, wenn das nicht mehr dort stehen würde.) Das geht ja nicht kaputt. Aber ich kann ja mal gucken. Unterwegs hat uns ein Fotograf getroffen und fand das total toll, was wir da machen und hat Fotos von uns gemacht. Ich weiß nicht mehr wo die sind. Ich müsste mal meine ganzen analogen Fotos durchwühlen. (Und die soll ich ihnen dann vorbei bringen?) Ich glaub das war Abenteuerlust. Ich weiß nicht mehr genau wie alt ich war, irgendwas um Mitte 20. Ich sag jetzt mal 23,24. Das war mit nem Studienkollegen in den Semesterferien. Wir waren einfach Jungs. Nicht mehr Jungs, die minderjährig sind und nichts dürfen, sondern Jungs, die was dürfen, weil sie volljährig sind. (lacht) Das Floß zusammen zu bauen ging schnell. Einen Tag oder so. Also, die Materialbeschaffung war einen Ruderhammer zu finden. (lacht) Die Idee ist in einer Kneipe entstanden, denke ich. Das weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht auch irgendeinen Abenteuerfilm vorher gesehen – Huckleberry Finn. Das war auch witzig: Man darf ja die Fähre nicht passieren. Wir sind am Wassersportgelände los und dann Richtung Fähre und auf einmal war die Wasserschutzpolizei da (lacht). Die hat das dann als Badespaß deklariert und das war dann gut. Auf der Schweizer Seite, also hinter Tägerwilen, haben wir dann das erste Mal übernachtet. Weil der Konstanzer Trichter war die Hölle, irgendwie wegen des Gegenwindes. Eigentlich müsste es ja Strömung geben, aber wir sind kaum voran gekommen. Wahrscheinlich gabs Westwind. Dann wollten wir eigentlich aufgeben. Ich hab damals in Tägerwilen gewohnt und da haben wir dann auch übernachtet. In der zweiten Nacht waren wir dann irgendwo bei Steckborn, also an der Rheinmündung fast. Da kam dann die Schweizer Polizei und wollte wissen was wir machen. Aber haben eigentlich nur unseren Wasserbehälter untersucht, ob da Alkohol drin ist. Natürlich war nichts drin. Wir hatten ne Kiste Bier dabei, aber die war okay. Die haben nur nach Spirituosen gesucht. Dann haben sie uns gefragt, was die deutschen Behörden dazu sagen. “Ja, wir haben ne Bestätigung von der Konstanzer Wasserschutzpolizei, dass wir nur ein Badespaß sind.” Dann waren sie zufrieden. Ich glaube damals war das noch gar nicht so arg, wie jetzt mit dem ganzen Terrorscheiß und so. Das war wesentlich lockerer.

(Stimmt, heute im Grenzgebiet mit nem Kanister voll Flüssigkeit auf nem Floß – Hubschrauber, würde ich sagen.)

Und anstrengend war’s. Aber das weiß man vorher nicht und man macht es einfach. Ich würd’s auch kein zweites Mal machen, weil es stellenweise extrem anstrengend war und ungemütlich. Das weiß man vorher nicht und dann zieht man’s durch.

Der Fotograf war ein Spaziergänger. Der wollte dann unsere Adresse und hat dann uns drei oder vier Fotos geschickt – Wie wir da auf unserem Floß stehen vor so einem Container. Das war bei Basel oder Lörrach, irgendwo da die Ecke. Da war es auch witzig: Da ist ja das Dreiländereck. Da ist irgendwer total ausgeflippt und wollte, dass wir sofort ans Ufer kommen und wir so “Das geht nicht.” Wir sind gerudert, aber die Strömung war einfach zu stark. (lacht) Die konnten uns dann auch nicht hinterher und das war’s dann. Die sind zwar eine Zeit da lang gefahren am Ufer. Danach kommt dann ja der Grand Canal d’Alsace und wir sind dann aber in den Altrhein. Und da wars dann wieder wunderschön. Das ist naturbelassen. Nur so tief der Rhein und war wunderschön. Wir wollten eigentlich schon nach Rheinfelden aufgeben, wegen der Industrieschifffahrt. Das war kein Spaß mehr. Dann haben wir noch den Altrhein mitgenommen und sind dann noch bis Hamburg getrampt. (lacht) Und von Hamburg ne Postkarte geschrieben: “Wir sind jetzt in Hamburg.” (lacht)

Ich glaub wir waren schon so sechs, sieben Wochen unterwegs. Mein Freund, mit dem ich das gemacht habe, der kam aus Itzehoe. Dann waren wir noch in Itzehoe ne Zeit und dann sind wir irgendwann zurückgetrampt. Wir hatten ja Zeit, drei Monate Semesterferien.