172# Meine erste Liebe – der See

Ort Datum
 Internet  31.01.2013
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 17:26
Geschlecht Alter
 Weiblich  54
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 54
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Konstanz

Warum eigentlich „Der Geruch vom Bodensee“?
Von uns eingeborenen Anwohnern wird er doch nur als „der See“ tituliert. Reicht ja auch. Weiß dann jeder, dass er unser ist, der See.
Ganz normal kommt er mir vor. War und ist einfach immer da. War und ist dabei trotzdem was Besonderes. Schließlich lässt sich an seinen Ufern zuweilen von der fast unendlichen Ferne träumen – ganz im Sinne von „Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr.“ Er kann Abenteuer sein und Kindertraum. Er regt an und beruhigt.
Und das war mein ganzes Leben lang so.
Kindheit am See – keine heile, aber eine erfüllte. Meine erste Liebe – der See. Wir waren Seeräuber, Eroberer, Gestrandete, Walfänger, Wikinger und Schmuggler. Bewohnten die Halden aus alten Grabsteinen am Konstanzer Rhein (der gehört für Konstanzer eben auch zum See). Pirschten durch winterliches Eiswasser vor Klein Venedig rüber nach Kreuzlingen. Eroberten Sandbänke und Kähne. Fuhren als siebenjährige blinde Passagiere mit der Fähre nach Meersburg, um ganz ohne Erwachsenendruck die alte Burg zu erkunden. Möven pickten uns im Winter das Brot direkt aus den Fingern. Beim Segeln auf Vaters I-Jolle kam zum Wassererlebnis noch das des alten Holzbootes. Die spritzende Gischt, das Sirren der Fock bei einer scharfen Halse, der Geruch von Holz, Lack und feuchten Tampen. Unvergessen auch die Segler-Grillfeste an der Marienschlucht. Holz und Fleischgerüche, Gitarrenklimper und Biergesang – und ich als Kind mittendrin. Todmüde vom Boot in den Schlaf geschaukelt.
Segeln war keineswegs immer so elitär wie man gemeinhin behauptet. So lagen die Boote des
späteren Segler Verein Staad (gegründet 1951) zunächst einträchtig neben den Fischerbooten
im Konstanzer Fährehafen und die Entwicklung in den Anfängen zielte eher auf einen „Anti-Verein“ Schließlich waren die meisten der anfänglichen „Aktivisten“ mehr oder weniger gebrannte Kinder mit einer Aversion gegenüber allem, was nach Organisation, Reglementierung oder Unterordnung roch. Ein eher unbeschwerter „Haufen“, der einfach das Segeln an sich, die Faszination von Wind und Wellen genoss, die ersten Regatten veranstaltete sowie noch in den 60ern gemeinsame Touren z.B. an die Marienschlucht mit großem nächtlichen Grillgelage und Lagerfeuergesängen. Das hab ich als „Mitsegelkind“ noch miterlebt und möchte es nicht missen.
Natürlich roch er, der See. Wenn er ruhig war oder aufgewühlt. Auch vom Ufer her. Mal mit einem Hauch Tang oder Fisch, mal kombiniert mit Sonnen- oder Eiscreme.
Später dann Grillen mit den Seglerjungs unten am See, unterhalb vom Wasserwerk. Die Hotz-Buben waren noch selber beim „aalen“, haben geräuchert und wir haben die Leckerei dann am Lagerfeuer gebrutzelt. Auch das Düfte vom und am See.
Klar, war der See auch Zeuge der ersten Knutschereien und Liebekummertränen. Wasserspiele im nächtlichen Nass.
Und doch – der See kann nichts dafür – gab es die Zeit des Wegwollens. Raus aus dem provinziellen Mief. Weg von Spießbürgertum und allemannischer Bärbeißigkeit. Aber er hat immer gefehlt, der See. Wurde zunächst verschämt und später dann wieder freudig begrüßt. Genauso wie ich schon als Kind ganz kribbelig wurde, wenn wir aus Südtirol zurückkamen und dann in der Schweiz, der erste Seezipfel auftauchte.

Vielleicht ist es ja wirklich so, wie Irene Ferchl im Vorwort zur Sammlung „Auf einem Badesteg“ schreibt:„Wer an einem See geboren und aufgewachsen ist oder dort eine Zeit lang gelebt hat, entwickelt eine Sensibilität für seine Farben und Formen, Gerüche und Geräusche; wird ihn im Traum und in der Erinnerung wieder finden.“?

Zum Baden muss man am See wirklich nicht ans Hörnle oder gar ins „Jaköble“, wie die Therme früher geheißen hat. In meiner Kindheit gingen da sowieso nur Warmduscher hin. Wir sind von der Niederburg aus auch schon mal schnell in den Rhein gehupft oder im Stadtgarten ins Wasser gerutscht. Obwohl damals (in den 60ern) noch eine Ordnung geherrscht hat. Inzwischen bin ich kälteempfindlicher, aber als Kinder hielt uns ab Mai nichts mehr an Land. Gänsehaut und blaue Lippen gehörten damals einfach dazu. Schließlich wollten wir dem See nahe sein, ganz nah. Selbst im Winter war das Ufergelände bevorzugter Spielplatz. Wenn’s nur nasse Füße gab, hatte man noch Glück.

Mit 2 Jahren bin ich sogar mal im Dezember beim „Schwanen“ füttern in den Rhein gefallen. Und die Oma konnte mich grad noch am „Kittel“ wieder rausfischen. Glück gehabt. Sie konnte nämlich auch nicht schwimmen. Angst vorm Wasser oder gar ein Trauma hat das Erlebnis nicht ausgelöst. Ich würd’ es nicht mal wissen, hätte die Oma es nicht später erzählt. Und auch, dass ich mich gefreut hab, dass ich „baden“ war.

Und Konstanz gehört zum See wie der See zu Konstanz. Vor allem die Niederburg, wo ich aufgewachsen bin. Damals noch das Armenhaus der Stadt. Mit Außenclo und ohne Zentralheizung. Dafür war das Viertel eigenständig – sogar fast mit Seelage. Immerhin gab es drei Bäckereien, Rieles Milchlädele, zwei Lebensmittelläden, die Drogerie von Wilds, eine Schneiderei und was man halt sonst so braucht zum Leben. „Kultur“ gab’s im Saal vom St. Johann, Beizen und Weinstuben waren ebenfalls ums Eck. Die großen roten Gasflaschen haben wir beim Ellegast an der Laube geholt – da ist man dann zum Hintereingang rein, sonst hätt man ja raus müssen aus der Niederburg. Den Wein für den Opa hat die Oma beim Fritz unten in der Niederburggasse geholt oder sie haben mich geschickt, vorne in die Tulengasse, da konnte man übern Hof und beim Hofmeister sich ein
Fläschle abfüllen lassen. Und weil der Herr Hofmeister immer „Daniel“ zu mir gesagt hat, auch wenn ich eins der doofen Sommerkleider anhatte, bin ich da gern hingegangen. Auch wenn der Weingeruch nicht nach meinem Geschmack war – damals. Dann gab’s im Viertel auch noch Handwerker und somit den Geruch von Schreinerei, Schlosserei oder nach Spindlers Farbenmischung. Nur zur Sparkasse musste man extra in die Stadt – die war vorne am Münster.
Als Kinder hat uns der fehlende Komfort in keinster Weise gestört – unsere Gassen waren unser Abenteuerspielplatz. Wir machten Feuergassen, Hinterhöfe und Gärten unsicher, eroberten Glockenturm und Kreuzgang des Münsters, rodelten im Bärengraben oder waren eben am Rhein oder See unterwegs.

Natürlich hat man alle Nachbarn gekannt, vor allem die Frauen. Die haben alles gewusst. Waren ständig am Fenster. Haben aber auch einiges organisiert – z.B. war an Sommerabenden manchmal die halbe Tulengasse im Badeanzug auf den Beinen, wenn die Frau Köberlin mit dem Gartenschlauch für Abkühlung sorgte. Wasser auf heißem Asphalt – ein toller Geruch. Auch bei abendlichem Sommerregen!
Direkte Nachbarin war Frau Mummenthaler, die hat im Sommer in ihrer Bonbonküche, wo man sich immer klebrige Schuhsohlen holte, Eis gemacht. Das gab’s dann schüsselweise und manchmal bin ich in ihrem VW-Bus mit zum Ruppaner gefahren, um große Eisstangen für ihren Eiswagen zu holen. Im Winter hat sie dann ihre Bonbons fabriziert. Die aus Honig waren lecker. Die aus Anis roch man im ganzen Hinterhof und offenen Treppenhaus.
Nachts sangen die Zecher auf dem Heimweg. Aber, ob es wirklich so schlimm war, wie der Notger Homburger singt, weiß ich nicht. Ich hatte als Kind einen guten Schlaf. Außer zur Fasnacht.
Die Fasnacht war natürlich was ganz Besonderes. Butzelauf gab’s am Mittwoch noch nicht. Da haben die Niederbürgler Nachbarn gemeinsam die Fetzen in die Gassen gehängt. Oma hatte eine große Kiste mit Fetzen für die halbe Gasse auf dem Speicher. Die wurde runter geholt und dann hat sie in der „guten Stube“, die eigentlich nie benutzt wurde, auf dem Tisch – darauf Moltontuch und Bügeldecke – die Fetzen gebügelt. Die wurden natürlich zuerst mit Wasser eingesprengt. Seither ist der Geruch „feuchter Stoff und Bügeleisen“ für mich untrennbar mit Fasnachtsvorfreude verbunden. Und wenn’s dann am Schmotzige frühmorgens beim Wecken durch die Gassen wummerte, war ich nicht mehr zu halten.
Schließlich kündigte ja die Fasnacht auch immer den Anfang eines neuen Frühlings am See an!