117# Meine Befürchtung ist, dass Konstanz zur Geisterstadt wird

Ort Datum 02.11.2012
 Rosgartenstraße
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 9:42  10:08
Geschlecht Alter
 männlich  55
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X  weggezogen
Wo sind Sie geboren?

Konstanz

Ich bin Altkonstanzer.

Ich bin hier geboren und aufgewachsen, im Stadtteil Petershausen, aber dann vor 30-35 Jahren weggezogen. Jetzt wohne ich zwischen Karlsruhe und Heilbronn in einem kleinen Dorf.

Ich habe noch Familienangehörige hier in Konstanz, die gehe ich alle halbe oder viertel Jahre besuchen.

Ich habe hier meine Wurzeln und  fühle mich schon noch verbunden mit dieser Stadt.

Aus beruflichen Gründen bin ich weggezogen, das Land Baden-Württemberg, da bin ich angestellt, hat gemeint, ich müsste irgendwo anders arbeiten und damit war der Fall klar. Man muss der Arbeit zwangsläufig nachziehen, das ist so im ganzen Leben. Man muss der Arbeit folgen.

Ja, ich trauere der Stadt ein bisschen hinterher. Ich wäre gerne hier geblieben, wegen dem Wasser, dem Geruch und dem Geschmack des Wassers.

Der Geruch, das beginnt in Radolfzell, wenn man mit der Bahn kommt, ab da kann man das Wasser riechen. Es riecht irgendwie heimatlich. Das sind die kindlichen Prägungen. Wie bei Konrad Lorenz, der die Enten geprägt hat, auf bestimmte Geräusche, Formen, Farben, Gerüche – so ist man auch geprägt. Zwangsläufig.

Besondere Ereignisse hier in Konstanz waren die Seegefrierne 1964 und der Duft der Pappeln im Herbst, wenn das Laub fällt.

Bei der Seegefrierne, ja da war ich ein kleiner Bub und bin von Staad nach Meersburg gelaufen.

Das Größte, das weiß ich heut noch, das waren die Eisfischer.

Da waren so Löcher im Eis, die haben dann da die Angeln reingelassen und das Eis gefror gleich wieder zu, das war ein bisschen anders - es war glasig – und ansonsten war der See ja weiß.  Ich hab dann ein paar mal geguckt ob das trägt. Da war ich sechs Jahre alt.

Sagen wir so, sehr schön ist die Altstadt, dass das Ambiente nicht zerstört wurde. Sehr hässlich sind die Vororte, wenn man von Wollmatingen reinfährt  - ein sehr negativer Eindruck. Der Neue, der Konstanz nicht kennt, der ist erstmal schockiert. Diese Einfahrt von Konstanz, das Gewerbegebiet beim Flughafen, das ist sehr negativ, da wird er erstmal enttäuscht sein, aber wenn man über die Rheinbrücke fährt, beginnt das alte Konstanz.

Die Stadt hat sich total verändert, das war vor 20 Jahren noch eine Stadt des mittelgroßen Gewerbes, da waren Herosé, die Feldfabriken, dann mittleres Gewerbe – und heute ist es ne Touristenstadt. Und genau diesen Prozess kann die Stadtverwaltung oder Gemeinderat nicht richtig begleiten. Eine touristische Stadt braucht Infrastruktur,  braucht Busparkplätze, braucht Toiletten – ach, einfach eine touristische Infrastruktur und in diesem geht die Stadt nicht mit.

Und wir haben ja jetzt den Prozess – wie heißt das – dass die Pharmaindustrie – Altana -  dann wars noch ein anderer Name zwischenzeitlich, dann warens die Japaner, die wandern ab von hier, die Stadt verliert 600 hochqualifizierte Arbeitsplätze, also sagen wir mal im Ingenieursbüro und das sind schon Einbrüche hier in der Infrastruktur für eine Stadt. Da muss man sagen, die Alternative ist Tourismus und da muss man mitreisen, solang es geht, solang es den Tourismus gibt und dazu gehört Kultur, wie das Stadttheater, das ich sehr schätze, in das ich aber leider so gut wie nie reinkomme.

Das Gleiche gilt für das Bodenseeorchester, das muss man eben unterstützen, die können sich nicht selbst finanzieren, das ist schon klar. Aber sowas muss man dann schon groß raushängen und dazu gehört auch eine Konzerthalle, die man hätte gegenüber vom Rhein, wo jetzt die teuren Wohnungen stehen und die Solarzellenfabrik, die ja pleite ist, da hätt ma wunderbar, zentrumsnah eine Konzerthalle installieren können, die die Stadt als ganzes aufgewertet hätte. Damit hätte man überregional werben können, der Einzugsbereich von Konstanz geht schon bis Stuttgart. Ja, so ein paar Events machen können, die ersten fünf Jahre lohnt sich das vielleicht nicht, aber dann.

Parkplätze, man braucht Parkplätze. Das Döbele könnte man vier bis fünf Stockwerke tief ausbauen.

Das Lagoparkhaus, das zählt absolut zu den Defiziten. Wer schleppt sich denn schon mit den Einkaufstüten zu Tode. Ich kannte mal jemanden, der hat im Lidl gearbeitet; die Schweizer schieben da ihre 1.000 Euro Einkäufe mit den Wägen an der Kasse vorbei, da brauchen die einen Parkplatz vor der Tür. Wenn die Leute richtig bepackt sind, dann wollen die nicht mehr weit laufen.

Sonnenhalde Grundschule, ja, da bin ich zur Schule gegangen. Also an der Sonnenhalde Grundschule speziell, da sind die Weinberge, mitten in der Stadt und als kleiner Bub ist man zwar nicht zum Pflücken gegangen, aber hat doch mal ne Traube genascht, ob sie auch schmecken.

Ja, hm, was macht die Stadt aus, früher da gabs, da bin ich grad vorbeigelaufen, beim Inselhotel einen kleinen Tierpark. Also zwischen Inselhotel und Platanenpfad, diesem Park, war abgegrenzt durch Stahlgitter ein kleiner Stadtgarten mit Enten und Gänsen und so weiter, die hatten dann auch ‘n Hüttle, und das hat man dann richtigerweise abgerissen. Ja, ja, klar: Genau da sind wir dann immer hingegangen.

Natürlich absolut prägend ist das Glockengeläute akkustisch vom Münster und Stephanskirche morgens. Ja, das hört man auch in Petershausen, je nachdem wie der Wind steht. Dann charakteristisch ist der Stephansplatz, Gasthaus Zeppelin, der ist ganz rustikal drinnen mit, großartig, den Elefanten in der Niederburg, dann Weinstuben als Jugendlicher.

Ja, das war in den Schülerkreisen ab der Mittelstufe “in”, da haben wir schon ein richtiges Viertele getrunken.

Der Kübelfritz mit der Erike, die leben natürlich nicht mehr, aber die Küberstube gibts noch, da müsste man mal wieder vorbeigehen.

Die Niederburg war schon das Highlight, da war sie noch nicht durchrenoviert, sondern noch richtig alt. Mit schiefen Häusern und schiefen Fenstern, nicht isoliert. Heute ist es die Topadresse in Konstanz, wahnsinnig teuer, der Konstanzer Jetset wohnt jetzt dort, so die absolute Modegegend.

In eine große Stadt wollte ich trotzdem nicht, Konstanz hat die absolute Prägung, durch den See besonders. Die ersten Jahre ist es mir verdammt schwer gefallen, von Konstanz wegzugehen, ich hatte richtig Heimweh. Jetzt natürlich, über die Jahre entfernt man sich zwangsläufig, man hat nicht mehr so viel Zeit darüber nachzudenken, Konstanz hat so eine absolute Prägung, die Schweizer, Ravensburg, Bregenz, das sind so die charakteristischen Punkte, die geben schon so ein Heimatgefühl.

Die Eisdiele Pampanin, auf der Marktstätte, das ist ein festes Ritual: Da ein Eis essen.

Hier leben die alten Klassenkameradschaften wieder auf, so nach 40 Jahren, ja, es sind sehr viele hier geblieben aus dem Abitursjahrgang.

Für mich stellt sich schon die Frage: “Komm ich, wenn ich im Ruhestand bin, wieder nach Konstanz zurück oder bleib ich jetzt dort wo ich bin, wo ich seit 20 Jahren lebe, einen Bekanntenkreis, Freundeskreis, die Skatrunde, meine Familie und weiß der Kuckuck was habe.”

Wenn ich nach Konstanz wieder käme, käme ich als Fremder in die Heimatstadt zurück, ich kenne niemanden mehr auf der Straße. Entweder sind sie gestorben oder sind weggezogen. Das merken auch die Klassenkameraden, dann ist man doch nicht so fremd. Da kann man alte Freundschaften wieder aufleben lassen. Wir verabreden uns alljährlich. Natürlich kenn ich die Lokale nicht alle, sehr markant sind die Lokale Richtung Schweiz, die Hafenhallen. Das waren zu meiner Zeit Baracken, Güterparks, Bahnvorladung, Gitterplatten, es war richtig heruntergekommen und jetzt hat man das richtig schön gestaltet alles für Touristen .

Ein prägendes Ereignis war der Schusswechsel am Zoll, da ist ein Klassenkamerad, mit dem ich vier Jahre in der Grundschule in einer Bank gesessen bin, umgekommen. Das war ein Schweizer, der ist  über die Grenze gefahren und das ist ein typischer Hausfrauenzoll, da geht jeder durch mit seinem Einkaufstäschle, oder Spaziergänger. Und eines Tages fuhr ein Schweizer durch, der war eh suspekt, den haben sie kontrolliert, der war ihnen nicht ganz geheuer. Dann sind alle beide Zollbeamte ins Häusel gegangen und dann hat er eine automatische Waffe aus dem Kofferraum geholt und hat einen Feuerstoß abgegeben auf die Beiden und sie waren auf der Stelle tot. Das war 1997, das war Nordsacherzoll, der Innenminister war da und weiß der Kuckuck was. Aus heiterem Himmel einfach ein Schusswechsel.

1998-99 hab ich studiert, in Freiburg, und hab hier am Wochenende  als Student gejobbt. Baader Meinhof war da, grüne Grenze war da angeblich, wo sie Waffen geschmuggelt haben, da waren strenge Kontrollen am Konstanzer Zoll / Kreuzlinger Zoll, da ist der Bundesgrenzschutz so durch die Leute mit den Waffen geschwenkt, einfach ungesichert, das war schon gefährlich. Das war eine sehr aufregende Zeit am Zoll.

Zur Baader Meinhof Zeit war die Geschichte am Zoll, da hat man noch Brot und Butter gekauft am Zoll.

Heute interessiert das nicht mehr. Es gab immer zwischen Konstanz und Kreuzlingen einen Zoll, wenn man 20 mal dann über den Zoll ging kannte man sich mit den Zöllnern, heute ist das ein rüber und nüber, ein Wirtschaftsraum.

Ich gehe davon aus, dass das wie bei der französischen Grenze, mit  Kameraüberwachung, sinnvoller ist, als selbst zu kontrollieren.

Konstanz hat schon eine negative Entwicklung durchgemacht. Mit den schweizer Schwarzgeldkonten, die haben hier dann ne Zweitwohnung, gerade dort, wo ich gewohnt habe, in Petershausen, gerade weil die Schweizer diese Zinsabschlagsteuer erheben und da muss man jetzt investieren, also kauft man sich hier in Konstanz ein Häuschen, Geld spielt keine Rolle, steckt man mal ne Million rein, und ich denke das hat Konstanz verändert.

So Überlingen, Meersburg ,Richtung der Pfahlbauten, stehen Bauten, die nur kurzweilig im Jahr bewohnt sind. Die Schweiz Richtung Italien ist da etwas quirliger. Meine Befürchtung ist es, dass Konstanz zur Geisterstadt wird.

Im Sommer, Juni, Juli,  August und September ist die Stadt voll- dass das jetzt aber um die Jahreszeit total abebbt und jetzt  zur Geisterstadt wird.

Die Nebeltage sind schon selten geworden, ich kannte die noch dichter.

Bilder, die charakteristisch für Konstanz sind, sind der Hafen und Jachthafen an der Seestraße, das ist schon so die Highsociety, die Leute sind nur 40 tage im Jahr da, haben ein Segelboot und können nicht segeln, das sind Statussymbole, das gabs schon vor 30 Jahren, aber nicht in dieser Form.