152# Wenn man in Konstanz auf der alten Brücke steht, auf der Brüstung, und sich eine Kugel durch den Kopf jagt und ins Wasser fällt, dann kommt man einen Tag später dahin, wo ich aufgewachsen bin

 

Ort Datum
Eingang Lago- Center 20.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 17:19  17:50
Geschlecht Alter
m 43
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
5 1/2
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Rathfelden

Ich komme von hier aus der Gegend, das heißt: Wenn man in Konstanz auf der alten Brücke steht, auf der Brüstung, und sich eine Kugel durch den Kopf jagt und ins Wasser fällt, dann kommt man einen Tag später dahin, wo ich aufgewachsen bin: Gaienhofen, wo Herman Hesse mal gewohnt hat. Ich weiß jetzt nicht, wo er “Siddhartha” geschrieben hat, aber ich glaube schon in Gaienhofen im Winter wenn der Nebel alles etwas zugedeckt hat. Er soll ja auch gegen Ende etwas Schwierigkeiten gehabt haben mit dem Nebel, das ist ja auch nicht Jedermanns Sache. Aber da bin ich groß geworden, war jetzt 15 Jahre lang im Ausland – und jezt komme ich wieder gerne her. Ich werde aber wieder ins Ausland gehen, weil es hier keine Arbeit gibt. Ich war vom Nordpolargebiet (1 Jahr lang) bis Afrika, viel an der Nordsee. Also, ich habe in Großbritanien studiert, also in Schottland, Cardiff, Birmingham. Ich war lange in Spanien, Portugal, Kanada. Ich bin Geologe, bzw. jetzt arbeite ich als Geophysiker wieder auf nem Schiff.

Die Region selbst empfinde ich als wahnsinnig konservativ, hier bewegt sich so gut wie gar nichts, wenn man sich Konstanz anschaut. Bis zu den 70ern war hier keinerlei Stadtentwicklung schlechthin – und dann plötzlich fing das mit dem Tourismus an. Seither ist es absolut  unaushaltsam geworden: Die Mieten sind astronomisch, die durchschnittliche Bevölkerung – ich weiß gar nicht, wie alt die ist. Tagsüber sind viele Schweizer im Stadtgebiet unterwegs. Es ist nicht mehr ganz das, was es mal war. Aber der See ist das, was mich immer wieder hier her zieht. Ich  kann aber auch schon übernächstes Jahr nach Neuseeland ziehen, das interessiert mich jetzt auch nicht weiter, das bin aber ich persönlich. Meine Familie wohnt hier zwar, aber ich habe hier sonst keine Wurzeln. Ich gehe eben dorthin, wo ich Arbeit bekomme. Ich habe erneuerbare Energieen und Energieeffizienz studiert. Damit bekommt man in Deutschland ausgewiesenermassen keinen Job – über 40 sowieso nicht. Das Ding mit der Energiewende ist ein bisschen ein Witz – im Ausland sieht das jedoch ganz anders aus, die sind alle viel viel weiter als wir. Es ist ein bisschen enttäuschend. Ich habe es jetzt 2 Jahr lang hier probiert. Aber offensichtlich sind die Leute gerade in der Gegend hier etwas zu sehr an – sagen wir mal – an althergebrachte Strukturen gewöhnt und haben dementsprechend kein Lust irgendwie umzudenken, auch wenn es sogar finanziell attraktiv wäre. “Was dr Bauer id kennd, frisster id” das passt leider auf die Region ganz gut.

Im Stadtgebiet selbst kann man eben nicht viel verändern, weil alles denkmalgeschützt ist. Ich habe auch mal in einer schicken Wohnung gewohnt mit Holzfußboden und Konstanzer Decke – aber da darf man keinen Nagel reinhauen, sonst macht man sich strafbar. Das ist anscheinend tatsächlich ein Verstoß. Ich hatte hier auch schon Probleme mit dem Finanzamt, obwohl ich noch keinen Cent Steuern jemals hinterzogen habe. Aber die wollten schon zum Pfänden kommen, weil ich halt mal wieder ne Weile im Ausland auf Schiffen unterwegs war. Als ich zurückkam, bin ich aus allen Wolken gefallen… Es ist wunderbar…. Ich werde regelmäßig von den Leuten in Blau angesprochen, weil mein Fahrrad vorne 2 Lampen hat.  Ja, zu viel Licht, weil es ja mit zwei Lampen ein Auto ist! Und mit drei Lampen ist es dann ein Zug, oder was…? :-) Weil ich aber zwei funktionierende Lampen hatte, haben sie gesagt, es sei ja gut, dass ich eine gute Beleuchtung am Fahrrad hätte. Mein Fahrrad sieht eben etwas anders aus. Ich baue so Elektofahrräder, die Batterien dafür kann man in Deutschland noch gar nicht kaufen, und die Komponenten dafür kosten eigentlich so gut wie nichts. In der Stadt braucht man kein E-Rad, aber bei mir war das halt, weil ich bis vorletztes Jahr nochmal studiert habe, damals so ein Studienprojekt. Da hab ich mir eben Messtechniken aus Amerika aus dem Modellbaubereich kommen lassen, einfach um mal zu sehen, wieviel Energie man braucht.

Kulturell und für Jugendliche ist es nicht so toll hier. Ich weiß noch, als ich 16 war und hierher gekommen bin, gabs noch das alte Tanzschiff, das war noch die MS Kempten -und das war eine Studentengeschichte, da warn wirklich nur Studenten drauf. Nur so ein kleines weißes Flottenbot, total verratzt- war das super, haben wir da Partys gerissen! Und da hat das auch noch niemanden interessiert: Da gab’s die Hafenhalle noch nicht und noch keine Anwohner. Konstanz war da noch etwas, wo man hingehen konnte. Die eigentliche Szene, die es früher gegeben hat – die “Druckerei” oder “WunderBar” – ist ersatzlos gestrichen worden. Auch im Hérosegelände, wo Jugendliche sich treffen, gibt es einfach zu wenig Angebote. Ich kenne hier auch einige Künstler und Musiker… es ist ein schweres Pflaster. Ich meine, die Künstler geniessen es, weil es ist so schwer, dass sich hier keine Szene entwickelt – und deswegen haben die schon alle Kontakte, die sie brauchen, weil die Szene so überschaubar ist. Wohingegen, wenn man jetzt nach Berlin oder Hamburg gehen würde, da muss man sich erst mal behaupten und dort haben sie eine Konkurrenz, wenn man so möchte und bei den Künstlern ist das ist äußerst schwierig. Hier ist es aber auch aufgrund der geographischen Lage, weil es eben südlich vom Rhein ist und von der Schweiz eingekesselt ist… – da sind keine Expansiosmöglichkeiten, weil bei so einem schönen alten Stadtkern gibt es ja nur bedingt Möglichkeiten, etwas zu verändern.

Konstanz so ist spannend, und die Atmosphäre ist toll. Im Sommer hat es einen enormen Freizeitwert. Obwohl, wenn man hier direkt wohnt, kann es auch nerven, weil es laut ist/ viele Touristen. Aber man gewöhnt sich daran. Ich kenne die Stadt von früher, die war sehr süß! Die Ecke hier war total vernachlässigt. Die Gebäude standen leer. Ich kenn den Platz hier vor dem Lago noch, als es ein Parkplatz war. Da standen Leute, denen hat man 50 Pfennige geben, damit sie auf’s Auto aufpassen. Die haben damit ihr Geld verdient. Das hat sich eben alles sehr stark verändert. Der Mensch, der den Seehaas hier eröffnet hat, hat das Klasse gemacht. Das ist hier eine Goldgrube, seitdem das Lago hier eröffnet worden ist. Die Verkehrsberuhigung hier finde ich sehr gut, das funktioniert hier irgendwie besser als in Kreuzlingen.

Ein Ort, der mich besonders reizt? Früher war es das Vogelhaus, als es noch realtiv neu war. Es ist relativ beliebt. Es ist eben immer schwierig, wenn man im Sadtzentrum ist und recht hohe Miete bezahlen muss, auch in der Gastronomie, ich denke es ist nicht so einfach dort Fuß zu fassen. Es ist sehr saisional, wobei das ist so bekannt, dass es eignetlich immer belebt ist. Ansonsten gibt es einige nette Sachen, z.B. die Hexenküche find ich total klasse, die haben total geniale Steaks. Wenn ihr mal im Winter ne Gruppe seid, müsst ihr dort vorreservieren. Da gibt’s die Hexenküche, das ist so ein Ding, das ist in den Boden eingelassen und man kann dann um einen riesen Tisch durm herum sitzen wo man dann dem Chef beim Grillen zugucken kann und es selbst fertig machen kann- Super!

Was wollt ihr noch wissen? Wann Kupfer auf dieser Welt nicht mehr verfügbar ist? Oder wann uns das Öl ausgeht? ;-)

Die Zukunftsversion von Konstanz? Das Durchschnittsalter der Bevölkerung wird noch weiter ansteigen, schätze ich. Und es wird eigentlich immer ein Naturmuseum bleiben, wo sich nichts verändert. Es hat eben auch kaum Möglichkeiten, sich irgendwie neu zu gestalten oder sich neu zu erfinden. Wenn Sie durch die Stadt laufen, sehen Sie eben, dass viele Häuser einfach denkmalgeschützt sind und dementsprechened ist da an der bestehenden Haus- und Lagestruktur wenig zu verändern, was auch sehr schön ist. Wenn man sich den Konstanzer Wochenmarkt anguckt, bekommt man ganz tolle landwirtschaftliche Produkte aus der Region. Also es ist auch nicht schlecht, es ist eben nur nicht so ein kreatives Pflaster. Man muss gucken, dass man mit dem, was man hat, möglichst kreativ umgeht und da steht einem, wie ich so mitbekommen habe, immer jemand so ein bisschen auf den Füßen. Gerade wenn man etwas macht, bei dem viele Jugendliche involviert sind, oder was mit Musik/ Open Air, gibt es eben immer gleich viele Anwohner, die sich  gestört fühlen. Das hat man vielleicht in jeder Stadt. Aber hier hat man eben noch die Problematik, dass es am See ist. Physikalisch gesehen ist der See ja eine gerade Fläche und der Lärm, der über den See geht, wird immer relativ weit übertragen. Da ist es dann eben auch nicht einfach, Genehmigungen zu bekommen. Ansonsten sind auch kleinere Sachen schön, Wessenberg z.B. es werden ja recht viele Sachen angeboten.

Ich finde, was in Konstanz so ein bisschen fehlt, ist die Bewerbung der Stadt selber. Die meisten Leute kommen her und schieben sich durch’s Lago durch und meinetwegen bis zum Münster, aber sie gucken sich z.B. nie den ältesten Stadtteil von Konstanz an: Die Niederburg, mit diesen engen Gassen. Weil da nicht so viele wahnsinnig teure Weltgeschäfte sind. Aber so als Stadtkern ist es recht süß. Es gibt süße Läden, richtig nette Läden- es ist gemütlich da. Dort gibt’s auch diese Brauerei. Das war früher so, da konnte man mit nem großen Filterkanister hingehen und sich da Bier abfüllen und es ist tatsächlich nicht schlecht. Wenn Sie da rein kommen- es stinkt da natürlich, wenn Bier gebraut wird- da können Sie zugucken, die ganzen Kupferkessel – das hat sehr viel Ambiente. Man kann auch leckere Sachen zum Mittagessen bestellen: Schmalzbrot und richtig deftige Sachen. Es hat viele kleine Sachen, die hat’s schon immer gegeben, aber ich finde die gehen manchmal eben ein bisschen unter.

Konstanz ist so ein Mittelding aus Einkaufsparadies für die Schweiz und einem Naturkundemuseum, wenn man so will. Die Studenten beleben Konstanz natürlich absolut. Ohne sie wär’ hier “tot”, ganz klar. Wobei die FH vielleicht noch etwas mehr daran beteilig ist als die Uni, die etwas außerhalb liegt. Aber es ist ein bisschen ein Jammer, dass hier Studentenkneipen-mäßig die Dichte noch etwas ausbaubar wäre, wenn man sich im Verlgeich dazu mal Freiburg anschaut. Aber man findet eigentlich immer was, wo man sich gemütlich treffen kann oder man trifft sich in der Wohnung von jemanden, wenn’s dort schön ist. Was mir eben aufgefallen ist, dass sich am ehemaligen Herosegelände beim Rhein immer große Menge an Jugendlich aufhalten. Das wäre z.B. für so eine Art Thater eine ganz tolle Bühne, weil man ganz prima eine Paralelle zu Frankreich ziehen kann, zur Pont Neuf, wo dann immer die Liebenden sitzen und sich küssen und die Kreuzfahrtschiffe mit Scheinwerfer vorbeifahren und gucken, kennt ihr das? Was sich da eben entwickelt, ist so eine Art Strand in der Stadt. Das Herosegelände stand ja auch Ewigkeiten leer, jetzt haben sie angefangen, dort die ganzen neuen Häuser zu bauen, und die Leute sind wieder eingezogen. Aber denen ist natürlich aufgestoßen, dass die Jugendlichen den schön angelegten Streifen nutzen, dort hinpinkeln oder noch schlimmere Sachen mit Bierflaschen machen. Aber: Wir waren alle mal jung. Man müsste da versuchen, in Frieden mit den Anwohnern und den Jugendlichen eine Nutzungsmöglichkeit schaffen. Da ist, glaub ich, leider nicht so ein sonderlich großer Dialog da. Da könnte man jetzt als kleines Projekt von einem (Jugend-) Theater ein bisschen ansetzten: Hier in Konstanz, was das Herosegelände so ist, mit der Fahrradbrücke ist das ein prima Gelände. Nebendran gibt’s ja auch das abgezäunte familienfreundliche Rheinstrandbädle, und direkt nebendran sind die Jugendlichen, die keinen Eintritt bezahlen müssen und die von der Brücke reinhüpfen, das ist doch viel cooler. Von der Brücke soll man ja auch mal gesprungen sein, oder man kann alternativ ein Schloss an die Brücke hängen, das machen die Leute aus den unterschiedlichsten Gründen und verewigen sich hier.

An der Fasnacht hat es hier eben immer die traditionellen Gewänder, Saubladern und so…