82# Jetzt gehört er wieder uns, der See.

Ort Datum
 Insel Reichenau  01.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 m  63
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 63
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Insel Reichenau

Ich bin auf der Reichenau geboren. Ich liebe die Insel und arbeite auch hier als Wassermeister. Da bin ich froh, wenn ich jeden Mittag schnell heim kann zum Mittagessen. Ich muss nie im Verkehrsstau stehen. Meine Arbeit hier ist sehr vielfältig: ich betreue die Pumpwerke, die die Insel mit Wasser versorgen, organisiere Reparaturen, bearbeite Beschwerden … naja, bei 60 km Rohrleitung gibt es immer was zu tun. Die Insel hat zwei Wasserleitungssysteme, die direkt aus dem See über vier Pumpwerke betrieben werden: eines für Trinkwasser, das andere für Brauchwasser. Wir haben jetzt erst das vierte Pumpwerk dazu bekommen, das ist in Singen bei der Paprikaanlage.

Ich war früher mal für zwei Jahre in Bayern, da hat es mir auch ganz gut gefallen, aber die Liebe hat mich wieder hierher zurückgebracht. Mein Sohn war jetzt auch für eine Zeit lang in Indien, aber er ist auch wieder zurückgekommen und baut jetzt hier auf der Reichenau sein Haus. Ich glaube, man muss schon öfter mal weg, um zu merken, wie schön man es hier eigentlich hat. Man vergisst das leider so im Alltag.

Wir Reichenauer werden oftmals als engstirnig und stur bezeichnet, aber das ist ein falsches Vorurteil. Wenn man uns kennenlernt und sich mit uns unterhält, ist das ganz anders. Manchmal, da kommt mir das so vor, als ob die Leute, die uns als engstirnig bezeichnen, einen Neid hegen, weil wir eben gewisse Traditionen am Leben erhalten wie zum Beispiel unsere Feiertage: Bei der Prozession mitzulaufen ist hier eine Selbstverständlichkeit. Aber viele Leute genieren sich oder rufen “Helau”, weil sie es gar nicht verstehen. Das sind eigentlich arme Leute, weil sie nicht verstanden haben, was Heimat ausmacht.

Für mich bedeutet Heimat neben Wasser und See auch “Überfluss”: Essen und Trinken, alles immer ganz frisch. Ich hole meinen Fisch immer ganz frisch beim Fischer, habe einen eigenen kleinen Weinberg, ich kann also meinen eigenen Wein trinken. Das zusammen ist einfach eine Lebensqualität, die ihresgleichen sucht.

Ich habe mal ein Jobangebot in Stuttgart bekommen, da hätte ich das Dreifache an Gehalt bekommen, aber ich habe es einfach nicht geschafft, dorthin zu ziehen. Hier ist einfach meine Heimat: Alle meine Freunde und Bekannten wohnen hier, ich gehe hier in die Vereine, zum Beispiel in den Männerchor Reichenau. Da war ich zehn Jahre lang Vorstand.

Mein Lieblingsplatz ist zu Hause. Da habe ich einen schönen Kachelofen, auf den ich draufsitzen und den ganzen Tag den See beobachten kann. Das Interessanteste ist der See durch die Jahreszeiten: Im Herbst der Nebel, im Winter das Eis, das würde mir sehr fehlen. Nach dem Sommer, wenn kein Boot mehr auf dem See zu sehen ist, dann sagen wir immer: “Jetzt gehört er wieder uns, der See.”

Wenn man von Stuttgart nach Konstanz über die Engener Steig fährt, also über die Höhe runter zum See, da kann man den See atmen. Als ich in Bayern für zwei Jahre war, da waren es sehr lange Winter mit viel Schnee. Ende März war da oben immer noch alles braun und voller Schnee und wenn man dann an den See fährt, dann sieht man, dass hier alles schon blüht. Da habe ich mich immer gefragt “Was mache ich bloß da oben? Hier unten ist das Paradies”. Und das war letztendlich auch der Grund, warum ich wieder hier bin.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Reichenauern und Konstanzern: Die Konstanzer haben immer einen Dünkel, wollen immer etwas Besseres sein. Das war schon immer so, seit dem Mittelalter. Das hat eben geschichtliche Hintergründe: Damals hatte das Kloster hier mehr Bedeutung als Konstanz, die zu der Zeit Bischofsstadt war. Im frühen Mittelalter waren die Reichenauer praktisch die Herren von Konstanz, wobei sie es nie richtig waren, aber das Reichskloster Reichenau hatte eben eine viel größere Ausstrahlung über den ganzen süddeutschen Raum hinweg. Da sind wir auch heute noch stolz darauf.

Den Unterschied zwischen Reichenauern und Konstanzern hört man auch ganz deutlich am Dialekt: Die Konstanzer genieren sich, den richtig alemannischen Dialekt zu sprechen. Bei denen ist alles so “verschwäbelt”, verkindlicht, verniedlicht. Zum Beispiel sagen die “mir han ghett” und wir sagen “mir han gha” [zu deutsch: wir haben gehabt]. Wir reden eher wie die Schweizer mit viel “ch”, zum Beispiel “Chuchichäschdli” [zu deutsch: kleiner Küchenschrank]. Da kommt es schon öfter vor, dass ich, wenn ich in Konstanz einkaufen gehe, einen grünen Ausfuhrzettel hingelegt bekomme, weil sie denken, ich sei Schweizer. (lacht)

Wir verstehen die Schweizer gut vom Dialekt her, aber die versuchen bei uns immer krampfhaft, hochdeutsch zu sprechen. Man sagt ja immer, dass die Schweizer ein eigenes Volk seien, aber wir sind auch eigen! Viele bezeichnen die Schweizer als arrogant, aber ich denke, dass das daher kommt, dass sie sich auf gewisse Weise gehemmt fühlen, weil sie das Schriftdeutsch nicht sprechen können. Das ist eine Art Minderwertigkeit, die sie da vielleicht fühlen und ich denke, dass sie das überspielen und wir es als vermeintliche Überheblichkeit falsch interpretieren. Ich habe durch meinen Chor  viel mit Schweizern zu tun und da lernt man sie eben ganz anders kennen. Es ist eben wichtig, dass man nicht pauschalisiert.