75# In meinem Hotel wurden unter anderem mehrere Spielfilme gedreht

Ort Datum
 Marktstätte  24.10.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 männlich  87
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 58
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Schlesien

Ich bin nicht wirklich Konstanzer. Ich wohne ich Konstanz. Ich bin aus Schlesien. Und nach dem Krieg bin ich hier her gekommen. Am 15. März 1954. Meine Frau hat mich hier hergebracht (lacht). Wir haben uns in München kennen gelernt, und dann bin ich hier am Bodensee gelandet – bis jetzt.

Ich war hier beruflich tätig – und dann 12 Jahre in Afrika und Südamerika. Ich kann also nun doch viel Vergleiche stellen. Konstanz ist auf der einen Seite großstädtisch und auf der anderen Seite kleinbürgerlich. Manchmal reicht der Horizont nicht so weit.

Orte, an denen ich gerne bin? An der Seestraße, am Hörnle. Aber ich war tätig auf der Insel Reichenau, und da ist immer noch die Verbindung dahin. Ich war Hoteldirektor. Den Namen verrate ich Ihnen nicht, aber das Hotel gibt es noch. Gäste machen immer Freude, sagt man bei uns. Die einen, wenn sie kommen, die anderen… Na ja!

An viele Ereignisse erinnere ich mich gerne. In meinem Hotel wurden unter anderem mehrere Spielfilme gedreht. Einer ist heute noch gang und gäbe, der wird jedes Jahr irgendwann einmal gezeigt – “Bei der blonden Kathrein”. Das war wirklich dramatisch. Stellen sie sich das mal vor! Eine ganze Filmcrew, mit Regisseur, mit Dings… – vier Wochen im Hotel. Da war kein Anfang und kein Ende; die einen gingen um vier ins Bett, die anderen standen um vier auf. Und da habe ich noch eine nette Erinnerung. Ein Raum wurde unterteilt, da war die Regie drin, aber auch die Maske. Da wurden also mit Sperrholz verschiedene Kabüffchen gemacht. Waren also optisch getrennt, aber nicht akustisch. Da war also eine Schauspielerin. Die war morgens um fünf schon bei der Maske. Sie war also in ihrem Kabüffchen. Ich sah sie rein gehen, aber ich war auf der anderen Seite. Sie wartete auf die Maske  und saß also da vor ihrem Spiegel; und da hörte ich, wie sie zu sich selber sagte: ” Lieber Gott, ich danke dir, dass du mich hast so schön werden lassen!” (lacht) Marianne Hold, mit Gerhard Riedmann. Und der Regisseur war der Herr  Quest.

Das war also ein tolles Erlebnis. Ich selber bin nicht drauf gekommen, aber in Kollege hat zu mir gesagt. Pass du nur auf, wenn die zu dir kommen: Die essen, trinken und wohnen, aber da ist bei den Filmfritzen keine Masse drin. Also es ist nichts zu holen. Als dann die Vorbesprechung getan war: “Nein, da ist noch was zu klären.” –  ”Ja, was denn?” –  ”Die Zahlungsmodalitäten…” –  ”Wir haben gedacht: Eine Anzahlung. Und dann alle vier Tage eine à Konto – Zahlung.”

Die hatten ja kein Geld. Das wurde vom Staat irgendwie….Das hat damals 800.000 Mark gekostet, das war viel Geld. Aber die kriegten nicht die 800.000 auf einmal, sondern nur Tranchen. Das wurde über eine Münchner Bank abgerechnet: Märzen und Co. Und wenn der dann kam, mit so einem Cheque – das waren dann gleich 10 oder 15 tausend Mark. Dann bin ich ans Telefon, wir kannten uns inzwischen schon, der Kontoführer und ich. Ich sagte: “15.000, die haben wir weg” Wenn der mir einen Scheck gegeben hat – die nächsten 10 Minuten war der schon gesperrt. So kam ich also aus dem raus ohne Verlust.

Ich bin 87. Geboren bin ich in Glogau in Schlesien, ein Preuße. Seit 58 Jahren hier. Aber mit dem Konstanzer Theater habe ich auch noch.. Der Intendant wohnte immer auf der Reichenau. Der war also ein sehr, sehr guter Gast. Extrem theatralisch. Und der war ein Freund von gutem Essen und Trinken und hielt immer Hof. Und jetzt, die Rechnung wurde immer abgezeichnet; und die habe ich dann an die Stadtkasse Konstanz geschickt. Dann haben die mir gesagt: “Können Sie nicht mal dem Intendanten sagen, dass er seine Spesen ein wenig reduziert. Wir haben kein Geld mehr.” Und da habe ich geantwortet: “Das ist ihre Aufgabe. So lange der Herr Intendant zu mir kommt und sagt, das geht auf Rechnung Konstanz, kriegen die die Rechnung.” Toller Hecht war das. 54 war das.

Meine Weggefährten von damals, die sind langsam auch alle waagerecht, das merke ich daher, wenn ich jetzt durch die Straßen geh.. also früher ist man ja alle fünf Meter… die Gäste, nee…

Ich hab in dem Hotel auch sehr viele Hochzeiten gehabt. In einem Jahr waren das 64. 64 Hochzeiten! Und es kam immer wieder vor: “Ich hab bei ihnen geheiratet.” Und dann habe ich immer gefragt: “Ging denn alles gut?” Und da wurde immer gesagt: “Ja, sehen ja hier.”

Nicht eine Bombe ist hier gefallen. Das ist ein Stichwort. Ich wohne ja in der Friedrichsstraße und nebenan ist ein großes Wohnhaus abgerissen worden. Ich hab noch gedacht, ein riesen Krach, aber das ging. Und jetzt eine große Baugrube und jetzt hat man in letzter Zeit immer wieder gehört, in den großen Städten – in München oder im Rheinland – wurden Blindgänger, Bombenblindgänger vom letzten Krieg gefunden. Die konnten nicht entschärft, die mussten gesprengt werden. Tausende Leute sind also evakuiert worden, und ganze Wohnviertel flogen in die Luft und gingen kaputt. Und da habe ich gedacht, ja, jetzt will ich mal sehen, wie die Behörden hier reagieren, wenn ich jetzt in eine Schrotthandlung gehe und guck, ob da so ein Metallgebilde herumliegt, was wie so eine Bombe aussieht und leg das in die Baugrube rein und schau, was dann passiert. Das habe ich einen Bekannten erzählt, der ist Architekt. Der hat nur gesagt: “Du, lass da die Finger von. Das wird teuer. Dann rufen die die Kampfmittelbeseitigung, so ist der Name von Stuttgart. Die kommen mit großem Aufwand. Du zahlst jeden Kilometer von jedem Mann.” Das habe ich also sein gelassen. So, ne Idee, ja.(lacht)

In dem Hotel, wo ich war, war eine große Freitreppe, 17 Stufen. Und jedes Jahr waren da zur Jahrestagung die Monetaristen, das sagt ihnen nichts, oder?

Das waren die Monetaristen, das sind die Leute, die sich auf wissenschaftlicher Basis damit befassen, was das Geld für Völker und und auch für den einzelnen Menschen für Auswirkungen hat. Aus der ganzen Welt kamen die an und die waren immer eine Woche in der Tagung dann. Und die hatten auch nen Tick: Die jonglierten mit Millionen und Milliarden. Wenn die aber in der Frühstückspause den Kaffee tranken – den Kaffee auch zahlen? Nein. Und so ein Kellner lebt ja nicht davon, daß man den Kaffee zahlt, sondern, daß er noch so Geld kriegt. Jetzt haben wir eine Pauschale gemacht und ich hab so Münzen, schweizer Franken, und französische France und englische Gelder, habe ich dann mit Sekundenkleber auf die Treppe geklebt, von oben bis unten. Und jetzt haben die natürlich geleuchtet in der Sonne. Und ich hab dann in die Treppenkehle, also nicht in den Tritt, sondern waagerecht, mit Marker große Zettel geschrieben, auf denen stand drauf: von oben nach unten “Money is lying on the road, you must bend over to pick it up.” Jetzt sind also diese Banker, die sind gekommen und haben gesehen: Da liegt Geld auf der Straße, du musst es nur aufheben. Alle waren unten – und konnten das nicht abmachen, Alle, die reingefallen sind, sind oben gestanden und haben auf den Nächsten gewartet. Da wurde gewettet, geht er runter oder geht er nicht runter.

Da war unter dem Hotel eine Terrasse und da waren Tische und früher haben die Gäste immer einen Tisch bestellt mit Richtung Seesicht. Und dann haben die einen Tisch bestellt mit Sicht auf die Treppe (lacht).  Und das waren alles diese Dinge, dieser kleine hier, der ist Amateur Boxer…

Apropos, Konstanzer Geschichten: es gibt einen Omnibus, den 9er, der fährt mit den Studenten zum Zähringerplatz, dann ist Schluss. Dann müssen alle raus, warum wissen die Götter. Jedenfalls kam dann der nächste Bus, alle rein, ich bekam noch einen Platz, aber vor mir standen zwei Schwarzafrikaner, offensichtlich auch Studenten. Die waren also angeregt in einem Gespräch und die sprachen Swahili. Jetzt war ich ja in Tansania und Uganda und sprech das. Als dann am Bürgerbüro ich raus wollte, machten die keine Anstalten mir Platz zu machen, war ja alles voll gestellt und dann habe ich gesagt: “Samahini…” Die wurden richtig bleich, das in Konstanz einer…Also das ist nicht gepöbelt. “Samahani, Entschuldigen sie bitte, ich möchte hier gerne raus.”