87# Ich komme aus Offenburg, am Fuße des Schwarzwaldes.

Ort Datum
 Münsterplatz  31.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 15:30  16:10
Geschlecht Alter
 w
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 43
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Offenburg___

Ich komme aus Offenburg, am Fuße des Schwarzwaldes. Ich sehe so schlecht, ich brauche für alles immer etwas länger. Ja, ich bin von einem Münster zum anderen gezogen. Früher, bei gutem Wetter, hat mich der Großvater schon immer hoch gehoben und gesagt: “Schau, da ist der Straßburger’ Münster.” Ich bin also dort geboren und war dann mit meinen Eltern vorübergehend in Raststatt. Es war gerade Krieg. 1944. Dann wurde mein Vater in den Krieg eingezogen, und ich bin mit meiner Mutter zu den Eltern meines Vaters in ein Dorf im Schwarzwald gezogen. Ich habe es noch so erlebt, dass das Elsass deutsch war. Aber dann sind ja die ganzen Nationen im Krieg gewesen -  mit Deustchland.

Von einer Grenze zur anderen bin ich gezogen. Als Krönung, ja, ist mein Mann in Kehl am Rhein geboren und wir haben hier in der Rheingutstraße gewohnt, 27 Jahre, und jetzt wohnen wir in der Rheingasse. Mein Mann ist beruflich hierher und natürlich bin ich mit. Damals, also wieviele Jahre war das – 43 Jahre sind wir jetzt hier- da hat es noch nicht geheißen “nee, da geh ich net mit” als Frau, weil ich woanders vielleicht lieber bin. Nee, da bin ich mitsamt Kinder, 4 Kinder haben wir, hierhergezogen. Unglaublich.

Die Stadt als solche mocht ich, ja. See und Berge auch. Aber mit den Menschen hat man sich’s schon schwer getan. Jetzt mich ich aufpasse, was ich sag. Also beruflich hat mein Mann auch Probleme gekriegt. Durch die Verwaltung. Er war bei der Katholischen Gesamtkirchengemeinde angestellt, als Heimleiter vom Studentenwohnheim, wo natürlich alle Nationen aufgenommen worden und auch Religionen, aber es wurde mit Mittel der katholischen Kirche gebaut. Und die vom Gesamtkirchenbüro haben immer gemeint sie können reinschwätzen. Und mein Mann hat aber immer gesagt, ich bin nicht für die da, also für die Verwaltung, sondern für die Studenten. Das sie guten Wohnraum haben, Freizeitprogramm, er hat sich da ziemlich viel Mühe gegeben. Die Verwaltung wollte vor allem immer Mieterhöhungen und er hat ne gute Bilanz hinterlassen nach 27 Jahren, weil er eben entsprechend die Handwerker bestellt hat -  nicht die, die die Verwaltung wollte -  er hat gesagt er geht nach den Kostenvoranschlägen und natürlich nach der Qualität. Es ist ja nicht so, dass er keine gute Qualität wollte. Es ging ihm einfach um die Sache und dass die Studenten nicht ständig Mieterhöhungen kriegen.

Ich hab das Erlebnis gehabt im Kindergarten… – also wir sind im Januar hergezogen, und dann sind zwei meiner Jüngsten noch in den Kindergarten gegangen. Und dann war im November der Martinstag im Stephanskindergarten, der in der Wallgutstraße war. Und eben vom Rheinland kannte ich, dass die Eltern mit den Kindern, an der Hand… – zumal unsere gradmal dreieinhalb waren. Ich hab halt den Fehler gemacht und hab das Rheinland mit hier verglichen. Am nächsten Tag hab ich das dann bemängelt im Mutterkreis, wo man wartet, bis man die Kinder abholt. Och, das fand ich doof, dass die Erzieherinnen  mit den Kindern zur Martinskappelle gezogen sind im Paradies, und wir halt so im großen Pulk. Ich kannte da noch niemand, standen wir draußen und ich hatte richtig Angst: Ich find mein Kind nicht mehr anschließend. Die hätten ja nicht gewusst, wo sie hinsollen.

Ich unterhalt mich da mit einer und erzähl ihr, wie ich das blöd find’, und dann sagt doch auf einmal eine Frau, die ein bisschen abseits stand und die ich schon aus der Nachbarschaft her kannte :”Hö, wenns Ihnen da net g’fallt gehen Se doch am beschten da na, wo Se herkomme!” Oh, da war ich geschockt und hab gedacht, das gibt’s nicht! Aber ich habe mich dann weiterunterhalten und hab auch gesagt, dass ich das nicht bös’ mein und man einfach nur was ändern könnte. Am nächsten Tag hol ich die Kinder wieder ab und dann spricht mich die Leiterin an. So richtig so: “Ich habe gehört, Sie sind nicht einverstanden mit unserer Martinsfeier.” Und da hab ich das halt aufgeklärt, hab gesagt, dass ich gern bereit bin zu helfen. Zum Beispiel Kopien von Liedern zu machen, dass man da nicht mehr wie so ein Trauerzug hinterherläuft mit so verschieden großen Kindern und ganz weit hinten kommen dann die Eltern, die draußen warten müssen, weil in der Kappelle kein Platz ist.

Ja, das war das erste Erlebnis negativer Art, aber sonst hatten wir ja vorwiegend mit Studenten zu tun gehabt im Haus. Im Moment halt ich so ein bisschen Rückblick. Vielleicht, weil unsere älteste Enkelin jetzt auch Studentin ist – und dann kommen halt die Erinnerungen wieder. Und meine Enkelin, die will nämlich nicht in ein Studentenwohnheim. Die hat Wert drauf gelegt, ‘ne Zwei-Zimmer-Wohnung zu beziehen, mit ihrem Freund zusammen. Der zwar ein anderes Studienfach hat, aber die gleiche Uni. Und jetzt rekapitulier ich halt das Leben von damals. Inzwischen war’s weit weg, weil ich hab ja auch schon 6 Enkelkinder. Und meine Kinder sind auch alle schon in ihren Berufen. Alle sind verstreut, nur eine wohnt noch hier mit ihren zwei Kindern. Eine Tochter ist in Italien verheiratet, in der Nähe von Rom. Der Sohn lebt in Köln, ist aber viel unterwegs – er ist Fernsehjournalist. Und der hat auch hier am Stadttheater schon als Statist mitgemacht. Als Schüler, später Abiturient und kennt sogar noch Leute von damals.

(schaut aufs Plakat) Da denk ich imme, das ist der See, aber es ist ja nur ein Plakat. Jetzt habe ich mich die ganze Zeit am See gefühlt. Ein sehr gutes Plakat.

Wir hatten ein eigenes kleines Segelboot, dann sind wir nie ans Hörnle, weil das immer so überlaufen war. Dann sind wir halt mal am Wochenende rausgefahren. Meistens da bei der Reichenau, da irgendwo. Dann haben wir geankert und die Kinder konnten schwimmen oder an Land. Da haben wir’s uns gut gehen lassen. Wenn es möglich war, von der Freizeit her.

Das Boot hat mein Mann vor zwei oder drei Jahren verkauft, weil er ja jetzt schon 81 geworden ist. Er ist zwar noch gut fit, aber man konnte es halt nimmer. Ich bin seit 2005 nicht mehr mit auf’s Boot, weil mir das wegen meinen neuen Kniegelenken einfach zu riskant war, mal schnell irgendwie zu reagieren. Wir haben da schon manchmal tolle Erlebnisse gehabt, wenn Sturm plötlich aufzog oder so. Und so hab ich halt aufs Segeln verzichtet. Leichten Herzens zunächst, weil ich musste ja auch immer Proviant mitschleppen, das musste ich dann auch nicht mehr. Und er hat dann noch so ein paar Jahre weitergeseglt oder mal mit nem anderen Ehepaar.

Ja und jetzt waren wir auch oft in Italien, nachdem unsere Tochter da geheiratet hat. Die hat ja nun auch zwei Kinder inzwischen. Da haben wir die Urlaube eben dort verbracht, oder in Jugoslawien.

Aber am liebsten fahr ich gar nicht mehr weit weg, sondern es gefällt mir hier. So eine Tagesfahrt zu machen mit meinem Mann, irgendwo einen Kaffee trinken oder ins Stadttheater. Ich hab grad heut ein Foto gefunden, wo ich vor 5 Jahren glaub ich, in dem Stück “Die drei Schwestern” von Tschechow war. Und da sind die ziemlich nackt auf der Bühne rumgeturnt. Da kam ich dann grad in den Flur, und da wurde ich angesprochen so wie eben, was ich denn zu dem Stück meine und da kam ich sogar in der Zeitung mit nem Foto, und den Sätzen, dass ich es nicht so mit den Nackten habe in den heutigen Inszenierungen. Es ist halt einfach ungewohnt. Also ich war auch in Sankt Gallen, mit den Studenten, das hatte mein Mann immer organisiert. Und da haben wir, ich glaube, Salome gesehen. Da kommt auch ein Bacchus drin vor und irgendwie liegt er da mit seinem Jüngling und die waren auch alle nackt, aber 1. war ich jünger und 2. war die Bühne weiter weg und im Stadttheater sitzt man halt schon nah dran. Ich habe zwar auch gesagt, dass ich die Schauspieler für ihre Fitness bewundere, ähm, aber das hat ja nichts mit der Qualität des Schauspielens zu tun. Das ist eher, dass die Schauspieler in andere Rollen schlüpfen können. Prüde war ich bestimmt nie, aber wir sind eben anders erzogen und aufgewachsen als heutzutage.

Und in der Zeit, wo wir in Düsseldorf waren, sind wir sehr oft ins Theater. Trotz der vier Kinder, die waren dann um acht im Bett und dann sind wir in die späteren Vorstellungen gegangen. Ich habe dort ganz viel erlebt, kulturell. Kann man hier auch, aber ich bin so faul geworden. Auch wegen gesundheitlichen Einbußen.

Ich war damals in jungen Jahren auf der Redaktion von ner bunten Illustrierten als Sekretärin und da mit dem Namen Müller – da war halt’s Lieschen Müller -  aber dem habe ich halt entgegengewirkt, weill ich einfach kein Lieschen Müller war. Die Burda in Offenburg. Burdamoden, ne. Ich habe noch den alten Burda erlebt, als Chef von uns allen.

Naja, aber hier in Konstanz haben wir mittlerweile einen Freuneskreis gefunden. Man muss sich halt darauf einlassen, dass sie anders sind. Für die Kinder war es anfangs eben schon schwer, die Sprache, den Dialekt zu verstehen. Die haben am Anfang fast nichts verstanden.

Zum Beispiel hatte ich mal Handwerker im Haus, weil ich eine Spülmaschiene mitgebracht hatte aus Düsseldorf, und die musste noch verlegt werden, mit Rohren und Schläuchen, die hatte eben nicht gleich in die Küche gepasst. Und dann kam so ne Abordnung von den Gesamtkirchengemeindeleuten und die wollten mir die Geschirrspülmaschine ausreden. Die wussten nicht, dass meine schon vor der Tür steht, ne große war das. Ne Miele mit vier Kindern, ’65 hatte ich eben schon ne Spülmaschine gekriegt. Da hat man in Konschtanz glaub selten eine gehabt. Das war mir völlig Wurscht, aber man wollte mir halt die Rohre nicht verlegen. Da hat mir einer dann weisgemacht, dass seine Frau, dass die doch viel schneller von Hand spülen kann und das man sowas nicht braucht. Also, und dann kam eben ein Handwerker, so etwas skeptisch “uh, der neue Heimleiter kommt aus Düsseldorf” ne, so, das hat man richtig gespürt. Dann spreche ich mit denen, ich hab mein badisches ja nie abgelegt, nicht ganz, und dann sagt einer, so wie erleichtert: ” Sie sind aber kei echte Düsseldorferin”. Als er dann erfahren hat, dass ich aus Offenburg komme, war ich für den plötzlich viel mehr wert. Wie mein Mann dann abends kam, hab ich gesagt: “Du, heute hab ich das erschte Mal ne fremdenfeindliche Erfahrung gemacht. Ich bin richtig froh, dass ich aus Baden bin.