52# Ich habe dann mit Umweltangelegenheiten zu tun gehabt

Ort Datum
 Lago  26.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 17:00  17:30
Geschlecht Alter
 m
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 50
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? ___

Ich bin von hier, lebe schon 50 Jahre in Konstanz, bin aber nicht hier geboren. Ich habe in der Industrie gearbeitet, und in der Bundeswehr war ich auch. Durch einen Berufswechsel bin ich dann beim öffentlichen Dienst gelandet, an einer großen Behörde und habe dann mit Umweltangelegenheiten zu tun gehabt. Naturschutz, Wassebau, Schiffahrt, Uferausbau, Bootsliegeplätze, Hafenanlagen… Also war ich verwaltungsmäßig für viele Jahre für den See verantwortlich. Ich habe mit Biologen, der Fachbehörde für Wasserwirtschaft, der Landschaftspflege und anderen Leuten zu tun gehabt. Also habe ich Ahnung vom See.

Das Leben hier in Konstanz würde ich als turbulent beschreiben. Da gibt es dieses Zitat “Deutschland ist ein Freizeitpark”, das spürt man auch in Konstanz. Konstanz hat nämlich eine priviligierte Lage hier am See, und der See ist lebens- und sehenswert.

Das ist nur wenigen Leuten zu verdanken. In den 60ern und 70er Jahren gab es überall am See, vor allem in der Konstanzer Bucht,  durch all die Waschmittel und chemischen Stoffe sehr viele Algen. Grünalgen, Blaualgen..da hätte man drüberlaufen können. Die Zersetzungsprozesse waren wirklich ekelhaft. Da hat es gestunken am See, vor allem wenn der Wind aufkam und Richtung Stadt geweht ist!

Es gab damals ein paar hervorragende Leute, die gesagt haben, dass es so nicht weitergeht; unter anderem den damaligen Umwelt- und Landschaftsminister in Baden-Württemberg, Minister Weiser. Der Minister hatte damals im Ministerium ökologisch interessierte, sehr engagierte Leute um sich herum, von denen ich auch ein paar kennengelernt habe. Da gab es auch den Bürgermeister Helmle, der den See und den Rhein rein halten wollte. Damals gab es nämlich noch keine Kläranlage. Man hat also ein Abwasserkonzept für den See erarbeitet, darunter Richtlinien für sogenannte Flachwasserschutz-Zonen. Das war ein Schutz für die Uferzonen, welcher die Vermeidung von Abwassereinleitungen und die Nichtbebauung der unmittelbaren Uferzonen beinhaltete. Es gab damals riesige Besprechungen, wobei die Ergebnisse in das Wasserschutzgesetz für Baden-Württemberg eingingen.

Der leitende Regierungsdirektor wurde nur “der Abwasserdoktor” genannt, er ist schon weit über 80 und wohnt übrigens in Dettingen. Er ist der engagierteste Typ, den ich je kennengelernt habe, ich muss ihn heute noch loben! Denn der Mann hatte Rückgrat und Engagement, er hatte ein Feeling für diese Sache. Sein Ziel war, den See zu reinigen und hat Abwasserverbände in verschiedenen Gemeinden gegründet (Hegau, Singen etc.).

Diese haben sich zusammengetan, der Sitz war in Konstanz. Die Verbände haben dann Anfang der 60er angefangen, die Kläranlage zu bauen. Das hat ihnen aber nicht genügt, und sie wollten das gesamte Kanalsystem verändern. Sie haben einen Hauptkanal installiert, in den alle Nebenkanäle münden, der dann zur Kläranlage führte. So hat man dann im Laufe von 25 Jahren das gesamte Abwasserkanalsystem verändert. Die Reichenau hatte damals übrigens auch noch kein Abwasserkanalsystem, sondern hat einfach das gesamte Abwasser in den See geleitet. Jetzt sind die Kanäle der Reichenau auch mich der Konstanzer Kläranlage verbunden.

Das Mittelalter, das hier in der Architektur heute noch so präsent ist, hat also erst in den 70er Jahren aufgehört, jedenfalls abwassertechnisch.

In meinem Leben habe ich gelernt, dass es, um etwas zu verändern, ein paar entscheidungsfreudige und engagierte Leute geben muss. Leider ist ein großer Teil der Leute, denen ich in meinem Leben begegnet bin nicht so. 80 % der Menschen, die ich jemals kennengelernt habe, waren Schauspieler, Hochstapler und Komödianten. Kennen Sie Albert Camus? Der hat die französischen Eliten als Hochstapler und Komödianten bezeichnet. Das hat sich übrigens bis heute nicht verändert. Das habe ich hier in Konstanz leider auch immer wieder erlebt.

Die ganze Situation in der damaligen Aufbauzeit ist also eigentlich an wenigen engagierten Leuten gehangen, die gegen viele Widerstände kämpfen mussten. Wie zum Beispiel nicht vorhandene Gelder oder Uferanlieger, die bis dahin ihre Abwässer über kleine Kanäle in den See geleitet haben. Damals war die Abwasserreinhaltung ein wenig in Mode, weil durch einen sauberen See der Tourismus angekurbelt wurde. Welcher Tourist möchte schon einen See besuchen, der voller Algen und Schlieren ist und übel riecht? Außerdem kommt der gesundheitliche Aspekt hinzu. Die Verbreitung von Bakterien und Viren geht in einem sumpfigen, morastigen See eindeutig schneller als in einem sauberen. Da gab es früher Ausschläge und was weiß ich was alles. Klar, dass die Politik dagegen etwas tun wollte! Würde man den See heute nicht permanent sauber halten, sähe er in 10 Jahren wieder genauso aus wie früher! Der Klimawandel würde diesen Prozess noch beschleunigen! Im Winter kühlt es ja nicht mehr so ab. Viren verbreiten sich ja viel schneller wenn es wärmer ist. Als  ich noch jung war, sind wir im Winter wochenlang auf dem See Schlittschuh gelaufen. Das ist heute kaum noch möglich, weil es einfach zu warm ist! Der Klimawandel wird eindeutig zum ernsthaften Problem werden, das heute leider noch unterschätzt wird. In 10-15 Jahren kann es wirklich sein, dass all die Seen umkippen. Dann sterben die Fische. Das wäre nicht nur furchtbar sondern auch unansehnlich- all die Fische, bäuchlings tot auf dem Wasser schwimmend. Grauenvoll!