92# Ich habe bei den Kämpfen Bilder gesehen…

Ort Datum
 Marktstätte  24.10.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 16:14  16:52
Geschlecht Alter
 männlich  94
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 53
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
Kreuzlingen
Wo sind Sie geboren? ___Königsberg, Ostpreußen

Von Ostpreußen nach Konstanz. Da bin ich auf ziemlich abenteuerlichen Wegen rausgekommen. Zum Teil zu Fuss, zum Teil auch mit dem Schiff – und so weiter. Wissen Sie, das war eine schwierige Situation gewesen. Ich bin mit einem Regiment mit 3000 Mann Fallschirmjäger da rein geworfen worden in die Sachen. Und dann, nach den Kämpfen, war ich erstmal eingekesselt. Bei Heiligenbeil. Da haben wir uns verteidigt in diesem Kessel, ungefähr ein halbes Jahr. Und dann war von dem Kessel… – fünf Kilometer, ein kleines Landstück am Haff da in den Dünen, das wir behauptet haben – , dann zählte ich den Rest unseres Regimentes. Das waren 25 Mann. Von 3000.

Das Haff konnte man schlecht passieren, das Eis trug nicht mehr. Das war Ende März, und das schmolz schon. Da wurde eine Straße in das Eis gesprengt, und dann wurden Giebelfähren eingesetzt. Das Haff ist so flach, da kann kein Schiff fahren. Da wurden Fähren eingesetzt, das waren nichts weiter als Flöße, darauf ein Maschinengewehr mit vier Rohren, zwei Zentimeter Kaliber, und mit einem Propeller. Und mit diesem Antrieb sind wir dann rüber auf die andere Seite. Dann bin ich mit einem kleinen Schiff bis Danzig gekommen. Und dann mit einem großen Schiff bis Kopenhagen. Und dann mit der Eisenbahn bis Magdeburg. Da kamen dann die Amerikaner, dann sind wir weg nach Pommern. Und da kamen dann die Russen. Dann bin ich nach Berlin. Dann musste ich noch mal an die Front, noch mal kämpfen in Berlin; kriegte noch ein Bataillon in die Hand gedrückt. Ja, so ging das damals.

Ich bin mal leicht angekratzt gewesen, aber sonst… Die Russen griffen immer an mit fünfzehnfacher Übermacht, da konnten wir nichts machen.

Nach dem Krieg habe ich erstmal in Deutschland gelebt. In Göttingen habe ich studiert, in Frankfurt habe ich gearbeitet. Und dann haben mich die Schweizer abgeworben. Ich habe 25 Jahre in der Schweiz gearbeitet. Als Entwicklungsingenieur für Elektronik. Jetzt bin ich seit 28 Jahren pensioniert, ich bin 94 Jahre alt.

Ich muss jetzt mit so einem Rollator gehen. Ich hatte einen kleinen Unfall. Ich war in einem Bus hier in Konstanz, und der hat aus unerfindlichen Gründen ganz plötzlich gebremst. Da bin ich gefallen. Ich bin mit dem Kopf irgendwo gegen geschlagen und war kurz bewusstlos. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich gefallen bin – aber ich bin danach ziemlich angeschlagen gewesen. Das war vor drei Monaten, und ich habe zwei Monate gebraucht, bis ich wieder laufen konnte. Der Knochen ist gottseidank heil geblieben; aber für alte Leute ist das immer problematisch.

Die Zeit von 1933 bis 1945 – da war ich zunächst noch in meiner Heimat, in Ostpreußen. Wann wurde ich Soldat? 1936 machte ich Abitur, und dann wurde ich Soldat, zwangsläufig. In Königsberg habe ich Abitur gemacht. Königsberg ist eine Stadt, größer als Konstanz. Auch größer als Zürich. 400 000 Einwohner hat es gehabt.

Dann habe ich drei Jahre von der Rekrutenschule bis zum Leutnant gedient. Als ich entlassen werden sollte – ich war ja nur Reservist! -, das war der 1. Oktober 1939. Aber im September brach ja schon der Krieg aus. Und dann bin ich den ganzen Krieg durch an der Front gewesen. Bis 1945. Ich war alleine. Wenn man in einem Regiment ist, wo 25 noch über sind von 3000, da hat man keine Kameraden mehr. Die sind alle schon begraben. Ich habe noch zwei, drei wiedergefunden, die verwundet gewesen waren. Aber nachher waren alle verstreut.

Ich lebe auch jetzt alleine in Konstanz. Meine Frau ist schon lange gestorben, und meine Bekannten auch. Verwandte habe ich keine mehr in Deutschland. Die sind alle von den Russen nach Sibirien gebracht worden. Ich habe beim Roten Kreuz mehrfach angefragt, die haben die nicht mehr gefunden.

Wissen Sie, ich habe bei den Kämpfen Bilder gesehen… Wir haben ein Dorf zurück erobert, das hieß Nemesdorf. Und da fanden wir etwa dreißig Frauen – angenagelt mit Nägeln an die Scheunentore. Nackt, ausgezogen und vergewaltigt. Natürlich alle tot. So haben die Russen sich da benommen. Die Menschen, die da gelebt haben in Ostpreussen, das waren etwa zwei Millionen Einwohner: Eine Million ist nicht mehr nach Hause gekommen.

Die Zeiten haben sich geändert. Aber ich muss Ihnen offen sagen: Ich finde mich in der heutigen Welt nicht mehr zurecht! Man hat alles zerstört. Die Familien hat man zerstört. Alles, was früher den Kindern gelehrt wurde, wie sie sich verhalten sollten – höflich, hilfreich und so weiter – das ist jetzt alles für null und nichtig erklärt worden. In Konstanz und zumal in Kreuzlingen, wo ich wohne, da herrscht brutaler Kapitalismus. Da wird abgezockt, wo man nur abzocken kann. Ich weiss nicht, wie es in Deutschland ist. Früher, als Preuße, da haben wir diese Korruption, wie sie heute herrscht – die haben wir nicht kennen gelernt. Da war die Korruption Null. Ich finde das ganze heutige Leben zum Kotzen, offen gesagt.

Ich lebe alleine in einer Eigentumswohnung und sehe alle 14 Tage vielleicht einen Menschen, mit dem ich sprechen kann. Ich habe zwei Söhne, die leben beide gar nicht weit weg von mir. Der eine will überhaupt nichts mehr von mir wissen. Und der andere – na ja, der hat bloß immer Angst, dass ich nicht sterbe. Er will mich beerben.

Ich habe mich um meine Familie gekümmert. Ich habe beide Söhne studieren lassen. Dem einen Sohn habe ich, als er heiratete, für sein Haus noch 35 000 Franken geschenkt. Und dann habe ich ihn gefragt, als ich alt wurde, pensioniert wurde und meine Frau gestorben war: „Ich hätte gerne in Deinem Haus gewohnt“. Seine Kinder waren auch schon groß und aus dem Haus. Und da habe ich dann die Antwort bekommen: „In meinem Haus ist kein Platz für Dich!“ So.

Und der andere Sohn, der wohnt vielleicht 30 Kilometer von hier entfernt, der kennt mich nicht mehr. Ich habe ihn seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen. Wissen Sie, warum? Er hat geheiratet. Er hat aber keinen Nachwuchs bekommen – die Frau wollte Nachwuchs haben. Und da haben sie sich dann in Brasilien ein schwarzes Baby bestellt. Und da hat er mich gefragt – und hat auch meine Frau gefragt, was wir davon hielten. Und da habe ich ihm gesagt: „Um Deine Ehe zu erhalten, wirst Du das wohl mitnehmen müssen. Aber ich hab‘s nicht gerne, wenn wir in der Familie ein schwarzes Kind haben.“ Und da brach dann – initiiert von der Frau, das war eine Schweizerin – die ganze Verbindung ab. Wir waren jetzt Rassisten, meine Frau und ich; mit uns wollte man nicht mehr zusammenkommen. Seitdem haben wir meinen Sohn nicht mehr gesehen. Das ist ein Sohn, für den ich allein fürs Studium schon sehr viel Geld ausgegeben habe.

Wissen Sie, es ist so: Die Menschen da in Kreuzlingen, aber sicher auch hier in Konstanz, sind durch die Nachkriegspropaganda der Feindmächte so verhetzt – die glauben, dass wir, die BRD – Deutschen, die aus dem Krieg gekommen sind, alle Verbrecher sind. Wissen Sie, was mein Sohn mir eines Tages gesagt hat? „Hör mal. Ich habe im Internet Deinen Namen gefunden. Auf Polnisch. Du bist wahrscheinlich Kriegsverbrecher gewesen in Polen. Die suchen Dich im Internet.“ Das ginge nicht, ich sollte mich mal ganz klein und unscheinbar machen. Er sei international tätig, und er könne keinen Vater haben, der Kriegsverbrecher ist. Er hat mir den Wisch da aus dem Internet ausgedruckt und gegeben. Ich habe ihn mir hier übersetzen lassen. Wissen Sie, was das war? Das war nichts weiter als Propaganda für Danzig – das ist ja auch eine alte deutsche Stadt, da habe ich nämlich auch ein Semester mal studiert. An der technischen Hochschule in Danzig. Da hatten sie eine Studentenliste dabei, und da war ich als Student aufgeführt. Das war mein ganzes Kriegsverbrechen. So geht‘s einem. Und der Sohn, der hat mich dann für einen Kriegsverbrecher gehalten. Überall, wo ich hinkomme in der Schweiz: Sobald ich den Mund aufmache und Deutscher bin, geht ein Vorhang runter. Da geht alles auf Distanz. Gerade in Kreuzlingen.

Ich habe einen Versuch gemacht: Ich bin in einem Laden, wo ich immer ziemlich schlecht behandelt worden bin in Kreuzlingen, als Franzose aufgetreten. Ich spreche ganz gut Französisch und habe mich nur auf Französisch unterhalten. Ich bin wunderbar höflich behandelt worden.

Ich bitte Sie, kein Foto von mir zu veröffentlichen. Das hat einen Grund: Ich weiss nicht, ob sich die russischen Geheimdienste für mich interessieren. Ich habe Ihnen erzählt, dass ich die russischen Kriegsverbrechen gesehen habe. Und die Russen wissen, dass ich damals mit dem Fallschirmjägerregiment dieses Dorf mit erobert habe. Und dann ist folgendes passiert: Da war vor ein paar Jahren eine 700 – Jahr – Feier von Königsberg. Von den Russen, das heisst heute Kaliningrad. Da wurden alle möglichen Gäste, Staatsmänner, und auch der Herr Schröder, der Bundeskanzler war, eingeladen. Die gingen alle zum Herrn Putin nach Königsberg, um da zu feiern, in Kaliningrad. Und da haben irgend welche Deutschen sich daran erinnert, was die Russen damals in Ostpreußen für Gräuel verübt hatten – und haben das dann veröffentlichen wollen. Und da haben die Russen dann als Gegenargument gesagt: „Ja, das sind wir ja gar nicht gewesen, das waren die deutschen Fallschirmjäger. Die haben aus Wut darüber, dass die Flüchtlinge da weisse Fahnen rausgehängt hatten, die Frauen nackt ausgezogen und an die Scheunentore genagelt.“

Ich bin einer von den Fallschirmjägern. Und der russische Geheimdienst ist natürlich daran interessiert, dass diese damaligen Gräuel nicht von irgendwelchen Augenzeugen bestätigt werden.