110# Ich fühl mich hier heimisch, obwohl ich hier noch nie gewohnt hab

Ort Datum
 Katamaran  31.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 8.16
Geschlecht Alter
 w  22
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
Wo sind Sie geboren?

Foto: 399-401

Ich wohn ungefähr 30 km weg von hier, Richtung Singen am Hohentwiel, da ists ganz schön. Ich komm aber eigentlich schon immer nach Konstanz, weil mein Papa hier arbeitet, direkt an der Grenze beim Zoll. Der ist da in der Funkwerkstatt tätig. Früher war er an der Grenze, da wars noch richtig spannend. Da waren sie wirklich an der grünen Grenze unterwegs, auch bei Minusgraden, dick eingemummt in dicke Mäntel und waren an der Schweiz entlang in Wäldern unterwegs und immer wenn jemand mit Hund vorbei gekommen ist, hieß es: „Ausweis, bitte“. Voll cool.

Aber jetzt ist er in der Funkwerkstatt, also alles was beim Zoll mit Technik zu tun hat, Blaulichtbalken, Funkgeräte und sowas. Früher fand ich das immer cool, dass wir ihn besuchen durften, weil irgendwie interessiert sich aus der Zollverwaltungsstelle kein Mensch für die da oben. Die dürfen da so vor sich hin arbeiten und kriegen da Aufträge.

Deshalb war ich immer schon in Konstanz. Ich fühl mich hier auch heimisch, obwohl ich hier  noch nie gewohnt hab. Schöne Stadt. Vor allem auch, weil Singen nicht schön ist. Radolfzell ist zwar auch schön, aber es ist zu klein. Das wären eher so die Städte, die bei mir sind, aber Singen hat wirklich null Reiz, es ist nur eine Einkaufsstadt und hat null Flair. Die einzigen schönen alten Häuser, die dort mal gestanden haben, haben sie abgerissen und irgendwelche neuen Klötze hingestellt. Das ist das Schöne an Konstanz, dass hier die alten Sachen erhalten werden.

-          Dafür gibt’s in Singen eine Maggifabrik.

Ja toll und Industrieschnee gibt’s im Winter, der stinkt, das ist so eklig. Mit dem Industrieschnee ist das so, jetzt wird’s wissenschaftlich. Wenn es kalt ist und, wie bei uns meistens, neblig und die Wolken relativ tief hängen, steigt dieser ganze Industriequalm hoch und entwickelt dann Schnee. Also das geht hoch und kommt dann alles wieder runter, das ist dann der Industrieschnee und der stinkt dann auch nach Maggi. Und es ist total widerlich, vor allem, wenn man die Schule direkt ums Eck von der Maggi hat und sich dann der Schule nähert. Erst denkt man „es schneit“ und dann „bäääh, Industrieschnee“. Wenn man dann auf dem Schulhof steht, denkt man „voll schön, alles weiß“, dabei stinkt alles nach Maggi.

Aber das hat nichts mit Konstanz zu tun. Konstanz hat keinen Industrieschnee, das ist schon mal gut. Das find ich auch krass, wenn man in Konstanz direkt drin ist oder an Konstanz denkt, denkt man nicht an die Industrie, obwohl doch Industrie da ist. Naja, sie bauen hier zur Zeit auch eher ab. Das ist echt interessant, dass eine Stadt in der Größe nicht mit Industrie in Verbindung gebracht wird.

Als ich das erste Mal in Konstanz war, muss ich echt klein gewesen sein. Das erste, woran ich mich erinnern kann, ist die Zeit, bevor das Lago stand. Ich weiß zwar nicht mehr, was da war, aber es war viel cooler. Da waren irgendwie andere Leute da, weil ganz viele Leute, das finde ich so schade, die kommen nach Konstanz und kennen Konstanz gar nicht. Die kommen aus dem Bahnhof raus, biegen nach links ab und gehen ins Lago und abends gehen sie wieder in den Zug zurück. Ich weiß es nicht, aber ich glaub vor der Lago-Zeit waren ganz andere Leute hier in Konstanz. Ich glaub schon, dass das Lago Konstanz verändert hat. Gerade im Bahnhofsbereich hab ich das Gefühl, dass andere Leute da sind, eher so diese Shoppingwütigen. Die, die jetzt nach Konstanz gehen, um Shoppen zu gehen, hätten vor 20 Jahren noch nichts gefunden, weil da nur diese coolen Konstanzer Läden da waren. Ich glaub früher, war es noch alternativer hier. Aber immerhin gibt’s diese ganzen Läden noch. Man merkt schon, um das Lago herum sind die ganzen großen Geschäfte, aber je weiter man weg kommt, sieht man diese ganzen kleinen Läden und die halten sich schon noch. Das macht Konstanz auch aus, die kleinen Läden. Ich laufe oft an so einem Glaskunsthändler vorbei. Der macht solche Mobiles mit Glasscheiben dran, irgendwie so bunte Bilder, Blüten und so. Ganz komisch. Der hat nichts, außer diese komischen Glasmobiles. Aber der hält sich, irgendwie. Ich hab da noch nie einen Menschen gesehen in dem Laden, aber er hält sich. Das ist total cool. Ich glaub, das ist auch irgendwie Konstanz, auch dieses Unverständliche, dieses wieso passiert das, wieso klappt das?

Noch mehr Beispiele? Die ganzen komischen Nagelstudios. Da gibt’s in Konstanz echt einige. Aber da sind immer Leute drin, das stimmt, die halten sich deshalb.

Hmm…und da hinten, was ist denn das für eine Straße? Wenn man vom Münster aus, an dem Skaterladen vorbei hinten reinläuft…irgendwas mit…ah, Gerichtsgasse heißt die. Und da gibt’s noch mehr so Läden, so lustige Kreativläden. Überhaupt sind in dieser Gasse immer nur Leute, die da durchlaufen. Die laufen, glaub ich, zum Münster oder nach hinten zu dieser Bushaltestelle, Richtung Krankenhaus und FH.

FORTSETZUNG AUF DER INSEL REICHENAU: “MAGGISCHNEE”