97# Ich bin nicht Konstanzerin. Und genau das ist meine Geschichte.

Münsterplatz 31.10.2012
16:15 16:24
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Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
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Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
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Wo sind Sie geboren? Saarland

Bild: 435 – 436

Ich habe eine Praxis für chinesische Medizin und das hier sind Punkte von Meridianen. Erstmal lernt man Zeichen, und die Schriftzeichen lernt man dann später dazu. Meine Praxis ist hier in der Inselgasse. Ja, ja, das Theater ist ganz in der Nähe, aber keine vom Theater kommt zu mir. Bis jetzt.

Ich bin nicht Konstanzerin – und genau das ist meine Geschichte. Ich will erzählen, wie ich nach Konstanz gekommen bin. Ich bin eine Wahlkonstanzerin. Ich bin hierhergekommen, im Jahr 200….5, mit Freunden. Wir waren grad auf einem Symposium und sind hierhergefahren, um mal einen Abstecher zu machen. Und während ich da so auf der Seestraße die vielen schönen Häuser gesehen hab’, dacht’ ich, ‘hier ist es so schön!’ und ‘ich könnt’ hier wirklich wohnen.’ Meine Tochter war damals im vierten Schuljahr, und irgendwas in mir ist ganz aufgeregt geworden. Ich hab den Leuten gesagt: “Mensch, wir könnten doch hier in dieses zweistöckige große Haus ziehen.” Und die haben gesagt, ach, dass hier in Konstanz alles so dicht ist und man das bis in hundert Jahren nicht kriegen würde. Dann gehen wir um die Ecke, und da war ein Immobiliengeschäft. Und da war genau dieses Objekt angeschlagen, auch zu einem ganz guten Preis! Und das hat mich weiter aufgeregt gemacht. Wir sind dann weiter und hier an der Buchhandlung vorbei, Homburger und Hepp. Wir sind zur anthroposophischen Buchhandlung gegangen. Wir gehen hier vorbei an der Tiergartenapotheke, und da seh ich im Schaufenster ein “Chinesische Kräuter”-Plakat und eben Kräutervorschläge. Und da geh ich in die Apotheke und sag so-und-so, ich hab auch ne Praxis für chinesische Medizin und was; ich wusste also, meine Medizin gibt es hier. Ja. Ich hatte damals noch einen Lebensgefährten und der hat das irgendwie verstanden, was hier gerade passiert und hat mich wirklich am Kragen da raus gezogen, aus der Apotheke. Es war für mich – also ich kann das gar nicht beschreiben. Ich bin so ne Zigeunerin, bin immer rumgezogen und hier, hier hatte ich das Gefühl, als wäre ich hier schon immer, oder?

Und zu Hause habe ich das alles erst einmal vergessen. Aber an meinem 20. Jahrestag in Frankfurt, da war ich sehr erschüttert, dass ich zwanzig Jahre in dieser Stadt war und hab erst realisiert, dass das also mein Leben ist und wie alt ich jetzt schon bin. Und hab an dem Tag gesagt, ich muss weg aus dieser Stadt – und das sofort! Und da dachte ich, ja wohin? Nach Hamburg, ist nämlich auch ne tolle Stadt. Und irgendwas in mir innen drin hat gesagt: Nach Konschtanz. Das war vor vier Jahren.

Also, ich war wieder ganz aufgeregt, wie damals, als ich das erste Mal Konstanz gesehen hatte. Ich war ganz aufgeregt. Konstanz, Konstanz, Konstanz, nichts als Konstanz. Meine Tochter kam aus der Schule und sagt: “Mama, der Samu hat mit mir Schluss gemacht und küsst sofort da sone andere und das ist so schlimm, kann ich ein paar Tage zuhause bleiben?” . Und in dem Moment habe ich ihr gesagt: “Wir machen jetzt was ganz Spannendes und ganz Lustiges! Wir machen morgen früh einen Ausflug.” Um 6 in der Früh sind wir dann nach Konstanz los. Was ich nie vergessen werde, ist der Moment, als wir bei Radolfzell runter gefahren sind und den See gesehen haben. Dieses Gefühl von dem See – ich hab Herzklopfen gekriegt. Und jedes Mal, wenn ich wegfahre und wiederkomm’ krieg ich wieder Herzklopfen. In dem Moment war vollkommen klar, dass wir hier wohnen würden.

Alle Türen sind ganz leicht von selber aufgegangen. Meine Tochter und ich haben gleich am nächsten Tag noch die Waldorfschule entdeckt. Sie ist dann auch in der Schweiz in die Schule, weg aus dem deutschen Schulsystem. In der nächsten Woche, wo sie dann Probeunterricht gemacht hat, hab ich schon das Haus entdeckt, in dem ich wohne. Und alles ging ganz leicht. Alles ging ganz leicht und immer dacht ich im ersten Jahr: “Wo ist der Haken? Wo ist der Haken?” Aber, nee, es gibt keinen. Außer den Konstanzer Querschädel, aber das lieb ich eigentlich auch. Der Konschtanzer Querschädel. Die Konstanzer haben ein sehr gutes Selbstbewusstsein. Der weiß, was er wert ist. Erst mal abweisend, wenn einer was von ihnen will, also so einfach geht das nicht. Und ich find das wirklich mal richtig lustig. Ich mag das. Ich habe eine Leichtigkeit damit umzugehen und habe auch eine Menge davon gelernt. Jetzt kann ich schon ganz schön gut Konschtanzisch sprechen.

Ich bin im Saarland geboren. Interessanterweise auch ein Drei-Länder-Eck und mit einer etwas ähnlichen Mentalität wie hier. Ich meine, dass das mit der Grenzsituation zu tun hat.