83# Ich bin ein Seekind

Ort Datum
 Insel Reichenau  01.11.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 w  57
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 57
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Untersee

Ich bin ein Seekind, ich bin hier am See aufgewachsen. Ich komme so gern zum Spazieren hier auf die Reichenau. Da denke ich mir immer: “So, jetzt fahr’ ich los”, und dann laufe ich irgendwo durch die Natur, meistens schon den Uferweg entlang. Und manchmal schaffe ich den sogar ganz und laufe einmal rundherum. Da brauche ich dann Stunden, weil ich mir dann öfters denke, dass ich mich ja auch mal hinsetzen kann zum Ausruhen. Und wenn ich mich dann auf eine Bank setze, da kann es schon sein, dass ich eine halbe Stunde lang auf den See starre. Und dabei ganz relaxed werde. Wenn man hier ist, merkt man richtig, dass man auf einer Insel ist. Wenn ich die Allee lang fahre, dann sage ich mir immer: “Ade, Welt da draußen!” Und wenn ich zurückkomme, bin ich gut erholt.

Der See riecht für mich nach Heimat, er gehört zu mir. Ich finde, er riecht ein bisschen erdig, aber das ist unterschiedlich zu jeder Jahreszeit. Er kann auch mal richtig modrig riechen, wenn die Algen anfangen zu modern. Im Sommer riecht er aber wieder ganz anders, da riecht man die Frische und das Wasser, aber ich rieche ihn immer gern. Er ist immer erfrischend, angenehm. Gerade dieses Jahr war der See so klar, sogar dann, wenn er aufgewühlt war von den Schiffen. Man kann jeden einzelnen Stein sehen, das ist sehr schön.

Einer meiner vielen Lieblingsorte um den See ist die Höri, am Untersee. Die Höri fängt so ab Radolfzell an über Gaienhofen und Öhningen und ab Stein am Rhein fließt dann der Rhein in den See. Da gibt es auch eine ganz tolle kleine Insel in der Nähe, die man nur über einen ganz langen Holzsteg erreicht. Da ist nur ein Haus mit einer Kapelle; und da wohnen nur ein paar Benediktiner, die die Insel auch sauber halten. Da ist es auch wunderschön, da kann man herrlich entspannen. Da gehe ich jedes Jahr einmal mit den Kindern hin. Ich bin Erzieherin und Heilpädagogin und arbeite mit Vorschulkindern. Das ist für die immer das Größte, wenn ich ihnen sage, dass wir wieder auf die Insel gehen: Die brauchen da nichts, die sind glücklich, wenn sie da Steine sammeln oder die Schwäne mal ein bisschen ärgern können, die haben eben Freude an der Natur.

In den Dörfern am See ist das toll, weil da überall noch Seezugang ist. Nicht überall Privatgrundstücke, wie das eben leider oft am See ist, beispielsweise in der Schweiz am Zürisee, da ist ja alles privat. Da zählt eben nur das Geld, die haben da auch riesige Villen stehen mit noch größeren Grundstücken drumrum. Das finde ich hier auch so schön: alle Privatgrundstücke sind offen. Wenn man hier auf der Reichenau mal an den See runterläuft, da hat noch nie jemand was zu mir gesagt, weil der See und die Uferzone gehören jedem. Die Reichenauer sind da aber auch offen, wobei ich manchmal denke, dass die bestimmt auch genug von den Touristen haben, vor allem die, die direkt unten am Wasser wohnen, die sind da schon so ein bisschen auf dem Präsentierteller.

Die Offenheit der Menschen hier gefällt mir, wobei das auch von Dorf zu Dorf variiert: Es gibt Dörfer, da würde ich nie hinziehen wollen, weil die eben die Zugezogenen etwas ausschließen. Ich komme aus Rielasingen-Worblingen, das liegt zwischen Radolfzell und Singen. Wir wohnen aber eher nach Stein am Rhein hin. Worblingen ist ein Dorf mit einem sehr alten Dorfkern. Die sind aber schon ewig umzingelt von Neubauten. Das sind alles Zugezogene, die aus den Städten wie Singen oder Radolfzell raus auf’s Land wollten. Die “Fremden” sind da quasi in der Überzahl, aber werden schnell einheimisch und fühlen sich da schnell zu Hause. Wir wohnen in einer so herrlichen Gegend; und ich würde nie woanders leben wollen, obwohl ich gerne auch reise. Aber wenn ich den See eine Weile nicht gesehen habe, dann treibt es mich her. Ich war schon sehr viel mit meinem Mann reisen, wir waren schon in Afrika, auf den Seychellen, auf den Malediven, ganz viele Inseln im Mittelmeer. Ich bin halt auch so ein Wassermensch, mich zieht es immer zum Wasser hin, darum brauche ich hier auch den See. Trotzdem, obwohl ich fasziniert bin von den Reisen oder auch der Unterwasserwelt, gehöre ich hierher.

Ein Freund von uns hat ein ganz tolles, altes Segelschiff im Hafen von Bodman. Er hat aber auch viel Arbeit damit: Er arbeitet im Frühling, er arbeitet im Herbst, aber im Sommer lohnt es sich für ihn total, weil er Lehrer ist und dann wirklich sechs Wochen draußen auf dem See ist und die Zeit genießt. Wir haben kein Boot, aber dürfen im Sommer auch öfter mal mit ihm mitfahren. Ich würde nie einen Motor benutzen, weil mir der See einfach zu wertvoll ist. Da sieht man auch nichts, da fährt man nur möglichst schnell von A nach B. Da würde ich lieber ein Ruderboot nehmen, wo man auch mal anhalten kann zum Schwimmen.

Konstanz ist ja auch sehr schön. Klar, da gab es schon immer das Problem mit den Wohnungen für die Studenten, da muss man am Anfang immer Kompromisslösungen eingehen. Ich meine, die Konstanzer sind ja auch so ein bestimmtes “Völkle”, ich glaube, dass die weniger offen sind, obwohl ich die schon auch mag, aber sie sind trotzdem wieder anders und ein bisschen eigen. Zum Bummeln komme ich immer sehr gerne hierher. Da sitze ich in dem Seehas – die Sache mit dem Parken kann man ja in Konstanz eh vergessen. Aber das mit dem Seehas klappt gut und ist vor allem stressfrei.

 

Fo