80# Ich bin 1964 hierher gezogen, und bereits nach acht Tagen waren wir im Theater

Ort Datum
 Rosgartenstraße  2.11.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 weiblich  93
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 48
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Berlin

 

Ich bin 1964 hier her gezogen – und bereits nach acht Tagen waren wir im Theater! Und von da ab waren wir immer im Theater, mein Mann, meine Tochter und ich. Geguckt, kritisiert. Über uns wohnte der damalige Theaterintendant.

In den 50 er Jahren ein Theaterdirektor Striese, wenn ihr wisst, was das ist.  Er machte sehr gute Sachen, aber auch ein bisschen märchenhaft. Also – seine Frau war Gast und hat alle Hauptrollen gekriegt.  Das gab dann Ärger. Mit 65 ist er mit dem Bundesverdienstkreuz abgezischt – und dann wohnte der Ammann bei uns. Das war eine Revolution . Da wurde das Theater wie neu. Wir waren seelig. Es war richtig was los. In den 60er Jahren ist durch Darendorf, Bessern und andere von der Universität der Theaterverein gegründet worden, Freunde. Da war ich natürlich direkt drin, bin ich heute noch drin.

Dann war das üblich: Die neuen Intendanten, die Bewerber, mussten sich zeigen, erzählen – vor dem Theaterverein. Ja, und dann gingen die zum Gemeinderat. Aber ein bisschen hatte das Auswirkungen, Und das war ganz interessant. Wenn man dann guckt: Der könnte es eigentlich werden – und dann schleimt der sich in der Pause ein, wie sonst was. Und einer, das werde ich nie vergessen, der hat ganz im Anfang lauter Kritiken vorgelesen, und hat gesagt, er sei der Sohn von dem und dem, das ist ein Schriftsteller, den ihr nicht mehr kennt. Und der war bestimmt über 50. Ich mein, ich erzähl ja auch nicht, ich bin die Tochter von…

Manchmal war das so, dass es sich völlig umdrehte. Wenn man nach der Werktreue fragte: “Also, was halten Sie denn von der Werktreue?” Da hat einer gekniet und hat gesagt: “Ach, Werktreue!” Der wollte wahrscheinlich Shakespeare, ein halbes Jahr… Und dann kam eine Piepsstimme, die sagte bloß: “Werktreue, das ist doch alles Lüge!” Die haben wir dann gewählt (lacht). Das war dann Frau… Ach! Ich weiß genau wie sie heißt… zwischen Mennicken und Nix – Schlingmann! Sie hat so nett über mich geschrieben.

Ich bin gebürtige Berlinerin. Es gab dann verschiedene Stationen. Studium, hab früh geheiratet. Man heiratete damals früh und ging nicht einfach miteinander ins Bett. Und die Armen mussten damals in den Krieg. Ich hab ein Kind bekommen, was leider nicht mehr lebt. Und hab meinen Mann sehr schnell verloren. Dann hab ich versucht zu studieren. Für zweieinhalb Semester hats gereicht; und dann wurden wir evakuiert, wegen der Bombenangriffe auf Berlin. Und dann kamen..

Ich erzähl jetzt nicht mein Leben. Ich war dann Hilfslehrerin und dies und jenes, hab eine Schule geleitet, ohne es gelernt zu haben – und war dann in Tübingen in der Nachkriegszeit. Da war ich Journalistin, und das war hochinteressant. Das war ne tolle Zeit. Direkt die erste Nachkriegszeit, französisch besetzte Zone, gehungert wie sonst was. Und dann hab ich wieder geheiratet und hab noch eine Tochter gekriegt. Die lebt auch nicht mehr. Dann hat mein Mann, damals war er im ersten Semester, hat sein Examen gemacht. Und 1952, 53 sind wir nach Ulm gezogen. Mein Mann war der Verwaltungsdirektor der Hochschule für Gestaltung – gegründet von Inge Eicher, Scholl und Otto Eicher. Über den ja hier ein sehr gutes Buch erschienen ist. Das Interesse war sehr groß. Also der berühmte Designer und die berühmte Schwester der Geschwister Scholl: Unsere Nachbarin. Und da waren wir sieben Jahre. Dann war mein Mann noch zum Wissenschaftsrat nach Köln -. Und dort hat er mitgearbeitet an der Gründung einer neuen Universität. Er wollte das nicht nur vom Tisch aus machen, sondern praktisch. Er ist dann hierher gekommen und war dann hier an der Universität. Bis zu seinem 65. Lebensjahr. Dann haben wir noch fünf Jahre Ruhestand gehabt, und dann starb er auch.

Ich hab seit zwölf Jahren, da bin ich umgezogen, ein Souterrain, sagt man als Berliner. Mit Toilette und Dusche und zwei Schlafmöglichkeiten, sodass derjenige, der hier sechs Wochen absolviert, Proben macht, auch die Möglichkeit hat, die Oma, die Geliebte oder was auch immer, war auch mal ein Baby da.. Die wohnen dann bei mir!

Oft hab ich was davon, in der letzten Zeit weniger. Manche sehen das natürlich nur als Herberge an. Aber im Allgemeinen kommen sie dann zu mir zum Sonntagsfrühstück. Und das hält mich auch am Leben. Daher auch der Name, der stammt von Susi Wirth, die hat mich mal so getauft: “Schnuggemama (?)”

Wir waren wild entschlossen, uns einzuleben. Ich war ja schon in Ulm, im Schwäbischen gewesen – und hier war das ja dann das Allemanische. Wir haben zum Beispiel sofort… – die Fasnacht fand ich wunderbar, im Gegensatz zu dem Karneval in Köln. Also rein kommerziell. Jetzt gefällts mir nicht mehr, aber ich mein’, mit 93 muss ich auch nicht mehr.

Wie gefällt es Euch denn? Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es früher war. Mein Mann hatte so einen Ausdruck für Tübingen..aber heute ist das eine grüne Stadt. Bei uns war das genauso. Also, wir hatten keine Disco, nichts gab’s. Mir haben dann später so 50-, 60-jährige gesagt: “Mein Gott habens die jetzt gut, jetzt, wo die Uni da ist, dann ist da mal was los.” Natürlich, das Theater hat’s immer gegeben, sogar eine Oper. Das hat mir eine Konstanzerin erzählt. Man verliebte sich dann in den Tenor… Seit der Nachkriegszeit die Philharmonie, also das war immer da. Das war ja schon was. Das ist eigentlich immer besser geworden. Man versucht, jetzt vor allem die jungen Leute rein zu bekommen ins Theater, die Kinder. Da sind die sehr interessiert dran. Also, ich hab kein Abonnnement, ich gehe immer so rein.

Dieses Hierarchische hat aufgehört – hoffentlich! Also, ich hab jedenfalls geglaubt, wenn ich an die Universität komme, da gibt es keine Hierarchie: So naiv war ich. Da weiß ich noch, wie ich das erste Mal bei Unileuten eingeladen war. Dem Professor neben mir habe ich gesagt: “Hier flattert dauernd der Zefir rum.” – der Zefir ist ja so ne Art geistiger Vogel – “Was macht denn der Zefir hier?” Und dann sagte er “Aber das ist unsere Klasse. C 4! Das ist ist der ordentliche Professor!” Das ist die Gehaltsklasse! Stellen Sie sich mal vor! Man hat so wie die Beamten Oberregierungsrat, Regierungsdirektor, ober runter rauf – so etwas kannte ich nicht, wollte ich nicht.  Ich wollte, dass alle gleich sind. Das haben wir nicht geschafft.

Ja, es hat sich sehr viel geändert. Aber leider, bei der letzten Wahl, wieder ne Rolle rückwärts. Wir haben es nicht geschafft, Wir hatte einen sehr guten Mann, aber der wurde zu spät geholt, weil der erste absagte und die SPD hat da Mist gebaut, kann ich nur sagen.

Die echten Konstanzer? Ich hab zwar Konstanzer Freunde, aber irgendwie ausserordentich, anders. Eine ehemalige grüne Stadtverordnete und einen von der SPD, die jetzt auch so 80 sind. Ich würde sagen, sie sind sehr naturverbunden, lieben ihre Herkunft. Es ist nicht mehr ganz so schlimm wie früher, weil es jetzt sehr durchmischt ist. Aber bei der ersten Fastnacht saß ich mit irgendeinem Altersehrenvorsitzende einer Zunft – so nannte man das, Narrenzunft – zusammen. Der wollte, dass ich bei ihm bleibe. Und dann hab ich gesagt: “Ich bin doch Saupreiß.” Und da hat er gesagt: “Mädel, das macht doch nichts. Hauptsache, du bist nicht aus Stuttgart.” (lacht) Da gibt es immer noch welche. Das hat sich aber gelegt, insgesamt.

Das Brauchtum wird in der Fastnachtszeit gepflegt. Das finde ich auch sehr schön. Jetzt machen sie aber auch Mariechen und so, wie in Köln. Es ist auch ein klein bisschen… – jetzt, seit sie ins Fernsehen kommen. Das ist blöd, ist schade drum. Das hat mir vorher besser gefallen.

Schauen Sie! Das war zum Beispiel eine richtige Konstanzerin, die hier eben vorbei ging. Und die auch immer ins Theater geht, aber die ein bisschen anders denkt als ich. Also, sie würde jetzt nicht in die Jugendstücke gehen. Das mach ich. Ich will ja wissen, was los ist.

Das war eine rein katholische Stadt, sie wissen schon. Aber das hat sich natürlich sehr geändert. Viele glauben gar nicht und viele protestantisch. Das war ja mal hier protestantisch. Hier war ja mal die Reformation. Das ist sehr interessant. Die Geschichte von Konstanz, wenn man sich da mal reinkniet oder man mal eine Führung auf den Friedhof macht, das hat vor kurzem eine Freundin von mir gemacht. Was man da alles erfährt über die Geschichte, das ist schon interessant. Mal waren wir österreichisch. Wir hätten ja die Hauptstadt von Turgau werden können, wenn wir protestantisch geblieben wären. Die sprachlichen Dinge, die überlappen sich ja. Und die Feindschaft mit der Schweiz, das ist dummes Zeugs. Natürlich ärgert man sich, wenn man da ewig bei allnatura stehen muss und die füllen dann ihren grünen Zettel aus. Da habe ich mich mal zu meiner Nachbarin umgedreht und gesagt: “Gut, dass es den nicht auf dem Markt gibt.” Solche Sachen, aber wir leben! Die Stadt hat sich doch – die Seestraße hat sich so sehr verändert. Das waren wunderschöne alte Geschäfte, also eine Drogerie, wunderschön. Alles weg – nur noch Filialen. Sehen sie mal, wir sitzen gerade gegenüber. Das schönste hier an dieser Strasse ist das hier – das Rosgartenmuseum! Das lieb ich – und es wird sehr gut geführt.  Da könnte ich sehr viel über die Geschichte erzählen.

In dem Musikerviertel, da wohne ich. Ich freue mich über jedes Kind. welches da geboren wird. Früher waren keine da. Wenn da die Leute sich beschweren, sag ich: “Kindergeschrei ist Musik in meinen Ohren. Die sollen Fußball spielen.” Ich glaub, da hab ich einfach ne andere Einstellung dazu. Ich muss mich ja nicht mit Enkeln quälen, da ja meine Töchter leider tot sind. Also, ich finde, dass das prima ist. Schade ist, dass die Stuttgarter Regierung am Anfang nicht wollte, dass wir eine Reformuniversität sind. Viele reformerische Vorstellungen, zum Beispiel von einer kürzeren juristischen Aubildung, integriertes soziales Studium, das hat meine Tochter gemacht, das wurde plötzlich abgehängt. Und all die Dinge, die angedacht waren für eine Reformuniversität, die wurden von Stuttgart aus…Wir sollten eine Uni sein, wie andere auch. Wir sind also nicht mehr 3.000, sonder sind fast 12.000. Auch die frühere Ingenieurschule, die HTWG, mir geht das leicht über die Lippen, wir haben uns geärgert immer diese Abkürzungen. Da bin ich zu einem Professor, an den ich zufällig geriet, von der HTWG, und hab gesagt “kein Mensch kann sich diese Abkürzung merken”. Heute tun wir gar nichts. (lacht) Heute geht die HTWG leicht von den Lippen. Und auch die ist viel größer geworden, mit Design und allem. Früher war das so eine Privatschule am See und das ist jetzt alles integriert. Das ist hochinteressant. Und wir sind Elite. Möge das nur auch bei den Studenten so ankommen. Das ist immer meine Sorge. Es ist schön und gut, wenn wir wundervolle Professoren haben, aber sind das auch wundervolle Lehrer? Das müssen wir sehen.

Und was studiert Ihr?