93# für mich ist Wasser Bewegung

Ort Datum
 Reichenau  01.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 13:35
Geschlecht Alter
 w 64
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 1
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? ___Darmstadt

Ich bin hier für ein halbes Jahr Feriengast. Meine Weiterbildung und die Gegend um Konstanz treibt mich hier her. Außerdem habe ich den Wunsch, mich zu erholen und viel für die Gesundheit zu tun. Das kann man hier hoffentlich ganz gut. Ich kenn den Bodensee jetzt erst seit Dezember vor einem Jahr und fand das wirklich sehr ausdrucksstark, wie hier so alles zusammen kommt: Kultur, alte Geschichte, modernes Leben, ganz viel Wasser.

Das Wasser finde ich wunderschön, weil ich früher an der Ruhr im Ruhrgebiet gelebt habe, wo immerhin die Ruhr war, die halt auch so was glitzerndes, so was bewegendes hatte. Und dann bin ich zur Bergstraße gezogen und da war der Rhein leider weiter weg neben sehr viel Industrie. Dann hab ich das Wasser an sich immer so ein bisschen vermisst. Hier hab ich jetzt ganz viel Wasser immer wieder im Blickwinkel. Und wir wohnen auch gerade da vorne auf der Reichenau mit Blick auf den See. Man kann immer zwischen zwei Häusern, die davor stehen, ein bisschen durchgucken. Wir können von hier sogar bis in die Schweiz gucken!

Ich bin Tanztherapeutin und Tänzerin hier.  Meine Weiterbildung trägt den Namen: “Life, Art, Process”. Das ist ein amerikanisches Konzept nach einer mittlerweile 90 jährigen Tänzerin und Tanztherapeutin. Es geht um die Verbindung zwischen Bewegung, Tanz, Malen, Stimme und Theater. Über diese Angebote kann man sich dann selbst, die Welt und das Leben vor der Menschheit erforschen. Das Leben nach hinten gehen bis zum Einzeller, und sich als Einzeller fühlen auf dem Boden, in der Bewegung. Und dann im eigenen Tanz nachzuvollziehen, wie sich aus dem Einzeller komplexere Lebensformen gebildet haben bis hin zum Fisch, als Fisch ans Ufer kommen, und sich dort als Vierfüßler fühlen. Es hat auch was mit der genetischen Information zu tun, die wir ja alle aus diesen frühen Zeiten haben. Es ist ein ganz individueller Ausdruckstanz. So wie jeder Körper es kann und sich bewegen will. Es entsteht eine große Vielfalt und es gibt keine vorgeschriebene Choreographie, sondern wir machen unsere eigenen spontan entstehenden Choreographien dann in Kleingruppen oder auch Solo zu diesen Themen. Es hat auch viel mit Theater zu tun. In meiner Weiterbildung ist eine Österreicherin und viele aus der Schweiz, die Hälfte ist zwischen 20 und 30, die anderen sind so um die 50 und ich bin dort die Älteste mit 64. Da merk ich halt einfach, wie die jungen Leute, so ganz anders als ich früher, nach dem Abi so wirklich in ihren persönlichen Themen so drinstecken. Mir ist es ganz schwer gefallen diesen Themen mich in meinem späteren Leben anzunähern.

 Ich hab übrigens fünf Jahre lang mit Grundschulkindern getanzt. Da ging es dann um die Inszenierung von Themen wie z.B. die vier Elemente. In April ist meine Weiterbindung dann zu ende, aber vielleicht bleibe ich mit meinem Mann, der Grundschullehrer und Theaterpädagoge ist noch weitere fünf Monate hier. Ich bin im Moment eigentlich überwiegend am Schauen, und genieße die Stimmungen hier am See, die sich je nach Wetterlage verändern. Außerdem ist mein Fokus darauf, wie sich die Bilder hier verändern, durch die Jahreszeiten.

Für mich ist Wasser eben immer Bewegung. Und dann ist auch in den Themen der vier Elementen, die ich mit den Kindern inszeniert habe, immer Wasser dabei. Da habe ich auch diverse Wasserkreistänze mit ihnen gemacht, und auch einen Moldau-Tanz, den ich mit ihnen einstudiert habe. Themen, die auch das Wasser darstellen. An sich ist es sehr herausfordernd im Tanzen das Wasser darzustellen. Mit Tüchern gelingt das ganz gut. Ich arbeite viel mit Tüchern und würde sehr gerne in einer der drei großen Kirchen hier in Konstanz einen Solotanz veranstalten zu einem lebenswichtigen Thema: Zum Beispiel zu Wasser und Bewegung, Leben und Veränderung. Das wäre an sich was tolles. Bis jetzt habe ich noch nicht den Ehrgeiz und die Kraft so etwas vorzubereiten oder zu inizieren. Es gibt ja auch diesen philosophischen Spruch über das Wasser, nämlich dass du es nie wieder so triffst an einer Stelle, wie es gerade war. Es ist ein Symbol dafür, dass wir Veränderungen im Leben zulassen sollten/müssten/könnten. Und dass es unserer körperlichen Form entspricht, wir bestehen ja zu 60 % – 70% aus Wasser. Dessen sind wir uns selten so wirklich bewusst. Und die Zellen brauchen Wasser, brauchen Flüssigkeit. Am wohlsten fühlen die sich tatsächlich, wenn sie mit Flüssigkeit gut genährt sind, und wenn dieser innerer Rhythmus gleichmäßig ist.

Mir fällt es nicht schwer mich hier einzuleben. Da fühle ich mich ungebunden genug. Das Thema der Heimat ist für mich nicht an einen Ort gebunden. Ich habe 38 Jahre im Ruhrgebiet gelebt, und ich hab mich nie an die Bergstraße zurückgesehnt, wo ich die ersten 20 Jahre meines Lebens gelebt habe. Ich denke, eine Beziehung zu einer Landschaft zu entwickeln ist schon wichtig, aber ich glaub mittlerweile ist für mich Heimat einfach, in mir meine Heimat zu haben. Also in meinem Körper wohnen zu können. Das ist natürlich auch ein durchgehendes Thema von meiner Körper- und Tanztherapie. Es war für mich sehr wichtig, damit angefangen zu haben. Das war ja erst mit 48, als ich anfing Tanztherapeutin zu werden. Dadurch haben ganz viele Veränderungen in mir stattgefunden. Und darüber bin ich froh, über dieses “im Inneren sich beheimatet fühlen können”- mein Gott, wie schwierig es ist, das zu formulieren!- Klar zu sein, welche Gefühle im Moment da sind, welche ich aussprechen will oder muss. Für was ich mich einsetzen will, für mich authentisch sein zu dürfen und zu können. Das ist vielleicht eher ein Problem von meiner Generation, nicht von den Jüngeren heute, weil die schneller Zugang haben. Aber ich weiß nicht, ob ich da richtig liege. Dieses Authentischsein und das zu spüren, denke ich, damit fängt auch alles an, was mit dem Begriff Heimat zu tun hat.

 Für mich ist der Sehsinn wichtiger als der Geruchssinn. Ich nehme wahr, wenn irgendwas nach Wasser riecht, oder wenn es modriges Wasser ist, oder wenn es nach Fischfang riecht. An manchen Stellen ist das hier der Fall. Also gerade das Modrige ist an kleineren Buchten präsent. Dort wo das Laub absinkt und wo es schon richtig Richtung Wildnis geht. Aber sonst würde ich sagen, hat der Geruch des Bodensees was mit Freiheit zu tun. Aber wie genau Freiheit riecht, könnte ich jetzt auch nicht sagen. Der See spricht vorallem den Sehsinn an. Es ist einmal diese Masse an Wasser, was da für ne Tiefe ist. Das verbindet sich für mich, wenn ich das Wasser sehe. Dann wird mir klar, was da an Größe von Land von Wasser ausgefüllt wird. Und das finde ich einfach faszinierend. Wir sehen ja an sich nur die Oberfläche, und den Untergrund nicht, und das, was sich dazwischen bewegt und entsteht, und das Leben dazwischen sehen wir ja auch nicht. Tauchen tu ich nicht, dazu bin ich zu ängstlich. Insofern habe ich noch nie ausprobiert das Dazwischen zu sehen, und das ganz Unten ja sowieso nicht. Aber ich weiß ja, wie es da aussehen würde. Es hat auch was sehr Geheimnisvolles, es hat was Urzeitliches. Ist der Bodensee auch aus Gletschereis entstanden? Das weiß ich nicht so genau. Also die Entstehungsgeschichten von Landschaften finde ich auch sehr faszinierend. Das ist hier halt alles so zusammen. Deshalb ist es so außergewöhnlich hier! Wasser, Berge, Hügelland, große Gebirge, kleine Städte, große Städte, Gemüseanbau, Weinanbau, Wald, Fischfang… Ja, es ist halt sicherlich, kulturell und von der Flora und Fauna her, eine  sehr reiche Region. Ich denke, ohne das Wasser hätte das hier nicht so entstehen können!

Ich hab festgestellt, dass die meisten Familien hier auf der Reichenau miteinander verwandt sind und sich auch kennen. Und dass zumindest die Touristen und Neuankömmlinge erstmal sehr freundlich begrüßt werden. Der Kontakt ist einfach, und die Leute sind erstmal sehr freundlich. Auch in Konstanz finde ich sie gesprächig und kontaktfreudig. Ob die sich jetzt als eine Gemeinschaft empfinden, könnte ich nicht so sagen. Man fühlt sich erstmal nicht ausgeschlossen, aber wir suchen im Moment auch keine gesellschaftlichen Kontakte. An so einer Grenze kann bestimmt einiges nochmal bemerkt werden, was man, wenn man vorher eher so als Urlaubsgast hier ist, erstmal garnicht merkt.

Nach Kreuzlingen rüber finde ich keine Veränderung. In Stein am Rhein hab ich diese Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz schon sehr wahrgenommen. Einfach auch von den Häusern her, die bemalt und anders sind. Auch die Einheitlichkeit des Stadtkerns ist dort anders und kleiner. Da gibt es nur so drei Straßen und Fußgängerzonen, und zwei Zeilen von Häusern, die sich um den Kern schließen. Es hat so was unwahrscheinlich heimeliges. In Appenzell war ich mal, da ist es auch prachtvoll bemalt, aber das war mir zu touristisch, obwohl die Landschaft dort sehr ausgefallen war. Sanfte Hügel, so viel grün, und so viel Gras und Weiden und Wiesen. Das fand ich auch sehr beeindruckend. Ich hatte wirklich schon tolle erste Eindrücke sammeln können. Und deswegen sind wir ja auch hier, um die Gegend kennenzulernen. Ich kann nur sagen, dass ich Schwierigkeiten habe das Schweizerdeutsch zu verstehen.

 

Foto: 489-494