95# Er war der Nachbar meiner Schwester

Ort Datum
 Insel Reichenau  01.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 m und w  45
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 24
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? ___Hamburg

Er: Ich bin hier vor über 20 Jahren für meine Arbeit und die Liebe nach Konstanz gezogen. Jetzt leben wir hier schon 24 Jahre zusammen. Uns ist es nicht schwergefallen, uns einzuleben. 

Sie:Wir beiden Nordlichter haben uns hier unten im tiefsten Süden kennengelernt. Er war der Nachbar meiner Schwester, die ist auch hier. Wegen ihr bin ich hier her gezogen und habe ihn dann kennengelernt.

Er: Meine Schwester war auch vor mir hier… und man kann schon sagen, dass das unsere Heimat geworden ist.

Sie:…Auch weil ich schon viel länger nun hier lebe als in Hamburg. Die Liebe, die sich zwischen uns entwickelt hat, war eigentlich das prägnanteste Ereignis, das wir hier erlebt haben. Und noch dazu, wenn man erfährt, dass man am gleichen Tag Geburtstag hat!

Er: Irgendwie hängt unsere Geschichte doch zusammen. Ich bin damals wegen meinem damaligen Schwager hergekommen, der hat meine Schwester in Husum kennengelernt. Sie ist dann hier runter gezogen, wo ich meine Frau dann kennengelernt habe. Dann haben wir festgestellt, dass der Schwager die Schwester meiner Frau aus einer Fernfahrerkneipe in Hamburg schon vorher kannte.

Sie: Wasser muss für uns schon sein, vor allem weil  wir aus dem Norden kommen. In Hamburg gibt es ja auch viel Wasser. Ich brauche viel Wasser, nicht nur so eine kleine Pfütze. Da ist der Bodensee perfekt. Manchmal riecht der See schön, manchmal nicht so schön.

Er: Er riecht algig, aber zu wenig nach Salz.

Sie: Ja, Salz fehlt, die salzige Luft! Am Hörnle ist es am schönsten wegen der guten Strömung. Heute etwas modrig, aber sonst meistens gut. Was mir hier nicht gefällt, ist dass die Menschen so tun, als würden sie in einer Großstadt leben. Sie denken im Kleinen, wollen aber Großstädter sein. Das ist nicht vorteilhaft!

Er: Konstanz war nämlich vorher mal gemütlicher. Vor 20 Jahren konnte man noch mit dem Motorrad bis vor die Marktstätte fahren, da war das nochwas.

Sie: Dieser Verkehr heutzutage ist einfach wahnsinnig!

Er:Die wollen hier Großstadt sein, werden es aber nie werden!

Sie: Sie machen die kleine Stadt kaputt, das hat mit den Studenten nichts zu tun. Die waren ja vorher auch schon da. Die tun der Stadt im Gegenteil sogar gut! Dann kommt der Mief mal so ein bisschen raus. Viele bleiben auch hängen, dann kommt mal frisches Blut in einige Familien. Was auch vielen Familien richtig gut täte. Weil es ist ja doch immernoch so, dass diese Machtstrukturen beibehalten werden. “Ich hab viel Grund, also heiratest du den, denn der hat auch viel Grund.” Damit das alles schön in der Familie bleibt. Diese Familienklans hier sind eben nervig. Das ist ständig präsent und man spürt es auch… Das wäre schön, wenn das ein wenig nachlassen würde. Der Bürgermeister ist ja jetzt ein anderer, das ist auch mal ganz schön. Der ist nämlich nicht von hier. Der See ist in den letzten Jahren voller geworden, viel Gedrängel auf dem Wasser. Mit Booten. Man hat leider nur noch wenige ruhige Ecken. Wenn der Sommer rum ist, kann man den See wieder besser genießen, denn dann sind die ganzen Touristen weg. Früher habe ich in Petershausen gewohnt, damals wurde der Uferweg zum Hörnle eröffnet. Das war schön, da konnte man nämlich abends schnell mal sein Handtuch schnappen, schwimmen gehen und auf den Steinen sitzen. Da ist es jetzt auch voller geworden. Es ist überall voll geworden. Attraktiver ist Konstanz damit jedenfalls nicht geworden. Aber ansonsten ist der See so geblieben wie er war. Der See ist immernoch der See.

Er: Die Grenze zu Kreuzlingen? In dem Sinne ist es ja keine Grenze mehr! Außer dieses Sprachliche, das ist natürlich krass, wenn es von einer Straße auf die andere plötzlich überall einen schweizer Dialekt zuhören gibt.

Sie: Naja es ist schon eine Grenzsstadt, und ich muss ehrlich sagen, dass die Schweizer sie ganz schön in Beschlag nehmen. Der Einzelhandel beispielsweise richtet sich überwiegend nach den Schweizern aus. Wir müssen halt dann da einkaufen. Ob das uns jetzt zusagt, oder eher auf die Schweizer zugeschnitten ist… Die grünen Zettel an der Kasse sind die Hölle- Ausfuhrscheine.

 

 

Foto: 583-586