77# Ein Spaziergang hier ist ein bisschen wie Urlaub

Ort Datum
 Insel Reichenau  01.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 w  21
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 1
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Stuttgart

Als ich das erste Mal hier in Konstanz war, das war im Sommer 2010 nach meinem Abi, hat es mir hier ziemlich gut gefallen. Ich hatte mir die Uni Konstanz zum Studieren ausgesucht, weil sie eben klein und schnucklig ist und ich immer etwas Angst hatte vor einer großen, unübersichtlichen Uni, in der Anonymität unter den Studierenden herrscht. Der erste Eindruck damals war richtig schön: Eine Uni mit Seeblick mitten im Grünen und die vielen Farbkleckse in der Aula, wenn die Sonnenstrahlen durch die bunten Glasscheiben fallen.

Nach meinem ersten Besuch in Konstanz war ich aber erstmal ein Dreivierteljahr zwecks FSJ in Freiburg, wo es mir auch wahnsinnig gut gefallen hat und wo es immer ein paar Grad wärmer ist. Beim Umzug von Freiburg nach Konstanz war das ziemlich gravierend: In Freiburg bin ich bei strahlendem Sonnenschein und 24 Grad abgefahren und in einem nass-kalten, nebligen Konstanz ausgestiegen – das war hart. Der erste Herbst und Winter war auch sehr kalt und dunkel. Erst so im Frühjahr habe ich mich langsam an die Stadt und die Umgebung gewöhnt und im Sommer ist es hier einfach herrlich, wenn die Sonne scheint und das Licht im See glitzert. Auch jetzt im Herbst ist es noch wunderschön, beispielsweise auf der Mainau, wenn die bunten Dahlien blühen, die Blätter sich verfärben und man merkt, dass so langsam wieder Ruhe einkehrt. Nach einem Tag wie heute, wenn man dann ganz entspannt und zufrieden wieder nach Hause kommt, da fragt man sich immer, warum man sich nicht öfter die Zeit nimmt um rauszugehen. Während dem ganzen Unistress ist so ein Spaziergang hier ein bisschen wie Urlaub. Ganz gerne gehe ich in Dingelsdorf am Klausenhorn spazieren oder im Sommer auch schwimmen.

Die Stadt Konstanz an sich gefällt mir nicht ganz so sehr wie die Natur drumherum, weil mir ein bisschen Atmosphäre fehlt. Hier gibt es nur das riesige Lago, in das jeden Samstag die halbe Schweiz hinpilgert, aber sonst von der Struktur gefällt es mir hier nicht so sehr. Auch die Tatsache, dass hier nur Busse fahren, die notorisch überfüllt sind, stört mich ziemlich. Es sind zuviele Menschen hier – oder aber Konstanz ist zu klein, das wird’s wohl eher sein.

Aber ich habe bereits von vielen Leuten, die hier aufgewachsen und dann doch mal weggezogen sind, gehört, dass sie sich so sehr nach dem See gesehnt haben, dass sie wieder zurückgekommen sind. Ich denke, dass die Menschen hier eine Art Verbundenheit mit dem See und der Natur haben und wenn man mit dem Nebel im Herbst aufgewachsen ist, dann fehlt der, wenn man an einem anderen Ort wohnt.