DIE AUFFÜHRUNG

Am 6. April hat der nächste Abschnitt unseres Projektes begonnen – die Aufführungen der paraethnologischen und pydläsophischen Eingeborenenrevue “Der Geruch vom Bodensee”. Sie laufen in der Spiegelhalle des Theaters Konstanz bis zum 5. Mai, Karten erhalten Sie an allen bekannten Vorverkaufsstellen oder über das Theater.

 

 

Erste, streng wissenschaftliche und empirische Gedanken zum Eingeborenen des Westlichen Bodensees als solchem

(Jan Langenheim am 27.2.2012, kurz vor der Abreise ins Forschungsgebiet)

Herausragend in der Psychologie des Eingeborenen ist sein Verhältnis zum Fremden. Durch seine geographische Lage und die Wechselfälle der Geschichte scheint der Eingeborene des westlichen Bodensees mehr als andere – selbst benachbarte – Volksstämme durch die Jahrhunderte immer wieder gezwungen gewesen zu sein – und ist es heute in einem besonderen Mass – seine Identität durch Abgrenzung zu manifestieren.

Gerade in den Sommermonaten der Gegenwart scheint er – bedroht durch mit unbesiegbaren Kreditkarten bewaffnete Helvetier auf der einen und einen schier übermächtigen Ansturm wohlhabender Rentner und Studenten aus dem näheren und vor allem dem weiteren Umkreis seines Sprachraumes auf der anderen Seite – in der stetigen Angst zu leben, aus seinem angestammten Lebensumfeld vertrieben zu werden. Oder – gleich den amerikanischen Ureinwohnern einige Zeit zuvor – zu einer verachteten, entrechteten Minderheit im eigenen Gebiet zu werden. Eine weitere Parallele dieser beiden bedrohten Volksgruppen scheint der Alkoholkonsum und ganz überhaupt eine unverbesserliche Neigung zu einem ungesunden Lebenswandel zu sein.

Die weltweit anerkannte Schönheit der Region des westlichen Bodensees und ein profaner Wechselkurs werden so zum Fluch und machen den Eingeborenen zum Spielball der Globalisierung.

Freilich hat der Eingeborene – darin unterscheidet er sich von seinem amerikanischen Leidensgenossen – durch die Jahrhunderte gelernt, den ununterbrochenen Ansturm der Fremden auch zu seinem eigenen – nicht zuletzt finanziellen – Vorteil zu nutzen. So blickt die Region des westlichen Bodensees etwa auf eine beachtliche Geschichte der Prostititution zurück, die erst in den letzten Jahrzehnten durch den Bau großer, direkt an den Verkehrswegen der Fremden gelegenen Einkaufzentren ersetzt zu werden scheint.

Des weiteren fällt am Eingeborenen ein überaus ambivalentes Verhältnis zur eigenen Begrenztheit auf. Begrenzt wird sein Lebensraum ja auf der einen Seite durch den See, der Schutz und Barriere zugleich ist – und auf der anderen Seite durch die in letzter Zeit schon rein finanziell unüberwindliche Grenze zum helvetischen Nachbarn sowie die dahinter sich befindliche, bedeutendste mitteleuropäische Gebirgskette.

Das daraus resultierende, latente Minderwertigkeitsgefühl verwandelt der Eingeborene bei seinen rituellen Zusammenkünften (auch hier spielen Rauschmittel eine gewisse Rolle) in ein stolzes Bekenntnis zur Eigenständigkeit. Die beachtliche Überlebenskraft, die aus diesem Phänomen spricht, manifestiert sich beispielsweise in dem seltsam aggressiven Humor, der den Eingeborenen auszeichnet. Dem Fremden stösst dieser Humor in der Regel zunächst einmal merkwürdig auf (und erfüllt ja allein dadurch schon seinen Zweck) – aber meist weicht dieses Gefühl der Befremdung mehr und mehr einer unbezwingbaren Faszination und dem unbedingten Wunsch „dazuzugehören“. Diese seltene Gnade gewährt der Eingeborene dem Fremden aber aus gesundem Selbsterhaltungstrieb nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen und nach einer häufig mehrere Generationen überdauernden Prozedur. Eine Versuchsanordnung

Eine abschließende Präsentation der Forschungsergebnisse scheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch verfrüht zu sein. Der Gegenstand der Forschung hat sich als zu komplex und sperrig erwiesen, um durch eine rein empirische, zufällige Befragung und die Dokumentation und Auswertung der erzielten Ergebnisse erschöpfend dargestellt werden zu können.
Es scheint geboten, die Forschung noch weiter zu vertiefen und hierbei auf Techniken des Experiments zurückzugreifen. Wir werden die Bühne der Spiegelhalle des Theaters Konstanz zur Durchführung dieses Experimentes benutzen. Hier wird unter den idealen Bedingungen des Theaters, das ja eine Maschine zur Erzeugung sowohl vonTräumen und Utopien als auch von simulierter Realität ist, eine Begegnung einer Gruppe von Eingeborenen mit Fremden (echten sowie von professionellen Schauspielern (die allerdings auch ihrerseits selbst echte Fremde sind) dargestellten) unter professioneller paraethnologischer und phydläsophischer Begleitung hergestellt. Ein Ereignis also, das in der Natur unmöglich zu sein scheint. Um die hierbei entstehenden Gefahren zu minimieren, ist bei der Gestaltung des Bühnenraumes darauf geachtet worden, dass alle acht verfügbaren Notausgänge des Saales barrierefrei zu erreichen sind, und auch im möglichen Brandfall stellt das Wasser des nahen Bodensees eine große Hilfe dar. Auch eine Evakuierung der Fremden mit Booten aus dem nahen Hafen ist möglich, genauso eine akute Versorgung traumatisierter Eingeborener in den nahen Gaststätten der Altstadt.

Die Teilnehmer des Experimentes werden in drei Gruppen aufgeteilt:
A. Die Eingeborenen werden repräsentiert durch Norbert Heizmann und die unvergleichlich ursprüngliche Eingeborenenkapelle Notty‘s Jug Serenaders: Notker Homburger, Thomas Banholzer und Andi Reinhard. Die berührenden, traditionellen Gesänge der Eingeborenen werden ergänzt durch das im sperrigen Idiom der Eingeborenen gesprochene Wort.

B. Die Schauspielerin Kathrin Huke und die Schauspieler Max Hemmersdorfer und Michael J. Müller stellen eine repräsentative Auswahl der vielen Fremden in 1., 2., 3., 4. oder 5. Generation vor, denen wir bei unserer Expedition begegnet sind – genauso aber auch einige der wenigen, echten Eingeborenen, auf die wir gestossen sind. Sie bedienen sich dabei der verschiedensten Techniken des darstellenden, vorstellenden, einfühlenden, distanzierenden, singenden und tanzenden Spiels.

C. Die einzige Mitarbeiterin der Expeditionsleitung mit einem abgeschlossenen Studium der Ethnologie, Kathrin Simshäuser, und eine Auswahl der bereits an der Expedition beteiligten Studentinnen vertreten den wissenschaftlichen Anteil des Experimentes. Sie sind vermittelnder, beobachtender Puffer zwischen den Gruppen A und B. Gleichzeitig erheben sie weiter statistische Daten und sammeln weiteres Bild- und Textmaterial aus dem Leben der Eingeborenen und der Fremden, die als Zuschauer Teil des Experimentes werden.

 

Die nach dem Zufallsprinzip des Kartenkaufs zusammengestellten Zuschauer des Experimentes werden sich sicher durch eigene Disposition einer der genannten drei Gruppen zuordnen. Idealerweise unterstützen sie „ihre“ Gruppe durch lautstarke Beifallsbekundungen und sorgen so für eine noch größere Realitätsnähe der Experimentsituation.

Für die Bereitstellung der ortsüblichen Rauschmittel wird im Foyer der Spiegelhalle gesorgt.

Im Laufe des Experimentes soll unter der unkontrollierten Zuhilfenahme dieser Rauschmittel eine möglichst große Vermischung der drei Gruppen A, B und C erreicht werden – damit sich AM SCHLUSS NIEMAND MEHR AUSKENNT und jeder der Teilnehmer zweifelsfrei das U in jedem X erkennen kann.