102# Der Bodensee ist saugefährlich

Ort Datum
Katamaran  31.10.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 10:17  10:50
Geschlecht Alter
 männlich
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 7
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? ___Hamburg


Ich bin Hamburger. Seit 2005 wohne ich in Friedrichshafen. Meine Rente hat mich hierher gebracht. Ich bin ein alter Seefahrer. Von der See an den See – ist schon faszinierend, was der See hier hat. Er hat viele Eigenarten, der Bodensee. Man kennt Ebbe und Flut – Wasser rein, Wasser raus. So wie man das an der Elbe noch ganz gut spüren kann. Der See hier hat eigene Strömungen. Der hat Unterwasserströmungen. Da kann folgendes passieren: Oben ist flaches Wasser, und Sie gehen baden. In Immenstadt zum Beispiel. Da gibt es eine Unterströmung. Innerhalb von einer Stunde kann sich das drehen. Der See ist 268 Meter tief – am tiefsten Punkt. Woher diese Strömungen kommen, das weiß eigentlich keiner. Das ist hier halt eben so. Wenn Sie einen Segelschein haben, mit dem Sie z.B. in Berlin auf dem Wannsee segeln dürfen – hier, für den Bodensee, müssen Sie noch einen speziellen Schein machen – aufgrund dieser Strömungen. Das ist eine interessante Sache. Die brechen hier auch den Seeverkehr ab bei Windstärke 7, da wird das hier eingestellt. Der Bodensee ist saugefährlich. Wenn Sie hier ins Wasser gehen, kennen sich hier nicht aus und schwimmen weiter raus  - hier ersaufen viele Leute. Jedes Jahr ertrinken hier Leute. Durch diese gefährlichen Strömungen; die ziehen einen nach unten. Das ist brandgefährlich. Also, der See ist nicht “Der Ruhige See”. Der sieht nur so aus; der hat Tücken ohne Ende. Da muss man sich auskennen – mit Wasser. Nur mit Wasser. Das reicht.

Ich habe mein ganzes Leben mit Wasser verbracht. Ich hab richtig Schifffahrt gelernt, bin 2. Offizier gewesen – und dann bis zum ersten. Und dann bin ich als Partikulierer gefahren. Das ist ein Begriff aus der Binnenschifffahrt. Alleinfahrer heisst das eigentlich. Von Schipol in Holland bin ich gefahren durch das Ijsselmeer bis nach Frankreich – alles nur Kanäle. Das machen Sie alles alleine. 1300 Tonnen hab ich gehabt. Ganz wenig – das sind 700 Tonnen netto, die Sie fahren dürfen. Binnenschifffahrt halt. Das hab ich gemacht – jahrelang. Jetzt hab ich keine Lust mehr. Ich bin verheiratet – und dann bringt das nichts mehr. Alleinfahrer heisst auch: Allein sein. Drei Monate. Das kommt immer darauf an. Sie fahren dann nach Holland oder nach Frankreich an die Börse, da gibt’s die Schifferbörse, das ist so ein uriges Lokal. Aber das ist richtig wie an der Börse in New York oder in Frankfurt. Da werden Frachten an einer Tafel ausgeschrieben. Da muss der Schiffer sich anmelden, das kostet einen kleinen Bonus. Und dann werden die Frachten ausgeschrieben – Getreide, Stückgut, Mastgut; weiss der Geier was. Das steht dann da und wird angeboten zu dem und dem Frachtkurs. Dann kannst Du sagen “Bisschen wenig. Warte ich noch…” Da verlängert sich dann die Liegezeit. Kommt immer darauf an, wie Du bestückt bist. Wenn Du musst, dann musst Du. Und wenn Du nicht musst, dann sagst Du: “Leck mich am Arsch!” Dann warte ich noch, bis ich ein paar Tausender mehr hab’, dann kann ich da wieder leben. Selbstständiger Selbstfahrer. Das ist das Partikulieren.

Partikulierer – Alleine. Da wird man zum anderen Menschen. Ganz anders. Der Zusammenhalt aufgrund der Tatsache, dass Du alleine fährst – der ist wesentlich größer. Sie gehen zum Beispiel nie in Supermärkte. An jeder Schleuse gibt es Händler speziell für die Partikulierer, nur für die Schiffer. Gemüse, Fleisch, Lebensmittel, Bier – alles, was Sie brauen, das rufen Sie über Funk ab, bevor Sie in die Schleuse fahren. Und dann steht das da. Das ist eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft für sich. Wenn Sie irgendwo was haben, da hilft einer dem anderen. Da wird nicht nach Geld gefragt. Nicht so wie’s hier ist. Wenn Sie hier ‘ne Panne haben, dann fragen die erstmal: “Ja, hast Du Kohle dabei?”. Das ist da – da geht man runter, da hilft einer dem anderen. Der kann das, der kann das, und der kann das. Da wird geholfen, da wird nicht nach Geld gefragt. Da gibt’s dann ein paar Bier hinterher, da bleibt man liegen. Ganz andere Welt.

Das Meer, das ist natürlich ganz was anderes als der See hier. Persönlich wohlfühlen tue ich mich hier nicht. Ganz klar. Das ist von der Mentalität her – ich komm’ aus Hamburg, der Hamburger ist offen. So wie der Berliner. Und hier, die Baden – Württemberger, die sind dermassen… hinterfotzig. Wenn ich Dir sage: “Du bist ein Idiot”, dann bist Du einer. Dann weisst Du das. Und Du kannst Dich wehren. Aber die hier, die machen das alles hinten rum.