123.2# Das Wort Bodensee mag ich gar nicht hören

Ort Datum
 Hafen  31.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 9.50  10.10
Geschlecht Alter
 m
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren?

Foto: nein

Ich bin kein gebürtiger Konstanzer, ich bin aus Daisendorf bei Birnau. Ich bin jetzt wieder seit 10 Jahren hier, zwischenzeitlich war ich 12 Jahre in Hamburg. Davor war ich schon 20 Jahre hier.

Was mich nach Konstanz getrieben hat? Nach Hamburg ist es die einzige erträgliche Stadt. Das erstmal. Aber ich liebe Konstanz speziell. Ich bin ihr sehr verbunden. Die Geschichte ist besonders. Ich hab auch einen Teil meiner Großeltern hier gehabt, also ich kenn Konstanz schon ewig.

Ich lebe in der Altstadt und jetzt um diese Jahreszeit ist es schön, es ist ruhiger in der Stadt geworden, der Tourismus ist nicht mehr so da. Ich liebe es einfach, mal ganz schön entspannt wie jetzt heut morgen an den See zu gehen, wenn es die Zeit erlaubt. Ich liebe den See einfach. Er beruhigt mich.

Der See hat schon einen speziellen Geruch für mich, den kann ich jetzt so aber nicht beschreiben. Ich habe auch eine emotionale Bindung zum See, absolut. Ich bin auch ziemlich verbohrt, ich seh mich dauernd als Südbadener und seh das auch alles als Konstanzer See an, das Wort Bodensee mag ich gar nicht hören. Das kommt aus meiner Kindheit. Ich hab das von meinem Großvater schon mitbekommen, wir sind Südbadener, wir sind keine Schwaben. Das hat mir irgendwie immer gefallen. In Hamburg hab ich die Leute richtig genervt mit Südbaden und der See ist grün und den hab ich da sehr vermisst.

Es gibt allerdings Unterschiede zwischen den Menschen. Hier ist die Sprache nicht so schön unter den Menschen. In Hamburg hab ich erlebt, da ist sie nicht so rustikal, da ist sie viel menschlicher. Hier gibt’s ja gerne mal: Der ghört verschossa oder sowas. Das gibt’s gar nicht in Hamburg, das ist mir sehr oft aufgefallen. Diese Sprache hier ist manchmal derb. Aber das hat ja nichts mit meinem Konstanz zu tun. Ich ärger mich viel über Konstanzer, den Gemeinderat schon ewig, jetzt wieder, dass die Laube abgeholzt wird, also der obere Teil, der ist schon zum Teil abgeholzt. Und die Stadtväter, aber die mochte ich auch in Hamburg nicht, ich hab da mit Politikern wahrscheinlich so ein Problem.

Was mein Konstanz aus macht? So die Stadt. Ich lauf so durch die Stadt und ich hab viele Freunde, die hier nicht leben, sondern in Hamburg und ich kriegs oft, wenn die mich begleiten durch die Stadt, dass die sagen: Du bist hier der Chef, ne? Das ist einfach, jeder Quadratmeter Boden, ich hab das Gefühl, ich bin gut aufgehoben. Wenn ich zum Beispiel nach Petershausen rübergeh, dann fühl ich mich nicht so. Das ist schon dieses Alte, das gibt mir auch ganz schön viel Schutz.

Das erste Mal in Konstanz war ich als ganz kleines Kind, da war das eine ganz große Stadt. Aber ich hab das schon immer gehabt. Ich war hier aus mit 17,18,19, nach zwei Tagen war ich dann schlapp und bin dann rüber mit der Fähre. Da ist sehr viel Verbundenheit… ich hab auch viele Träume in Hamburg mit der Fähre gehabt. Mindestens einmal im Monat hab ich immer geträumt, dass irgendwas auf der Fähre ist. Das sind Kindheitsprägungen. Wenn ich dann auf der Birnau so rübergeschaut hab auf den Überlinger See, so Richtung Mainau, das gibt einfach ein gutes Gefühl. Ich weiß natürlich, dass das schön ist, dass es nicht selbstverständlich ist, hier zu leben, leben zu dürfen.

Ich hab auch mal in München gelebt, da hab ich das jetzt nicht so gespürt, aber in Hamburg fand ich das schon auch sehr wohltuend an der Elbe rauf und runter zu marschieren. Aber das hier ist unvergleichlich. Das Wasser macht alles Mögliche mit mir, ruhig, sinnlich, es kommt zu mir. Und natürlich, wenns hell ist, rauf aufs Fahrrad, ab zum Schwimmen, da dann reinzuspringen…das find ich ganz toll in Konstanz. Das ist nicht so schön am Überlinger See, da wird überall Geld verlangt.

Dieses Jahr gefällt mir der Herbst am besten. Ich fand den Sommer ein bisschen anstrengend. Wegen den Touristen und auch persönlich. Wenn irgendwas nicht so rund läuft und dann so viele Menschen…das ist eine kleine Stadt und dann ist es mir zu viel. Zu viele Schweizer. Dies sind ja sehr präsent, das spürt man schon. Ich hab das schon immer gespürt. Die Möglichkeit rüber nach Kreuzlingen laufen zu können find ich schon gut. Das ist ja auch eine ganz andere Stadt, das find ich sehr interessant. Nach der Grenze sieht echt alles anders aus. Das find ich schon schön. Ich bin auch gerne in Gottleben mit dem Fahrrad.

Manchmal, wenn ich schlecht gelaunt bin, dann fällt mir jeder Thurgauer und jedes Thurgauer Auto in der Fußgängerzone auf, aber das tun auch die Konstanzer. Ich glaub das ist auch so eine alte Geschichte zwischen Konstanzern und Kreuzlingern…Hass ist da jetzt ein blödes Wort, das hab ich eigentlich schon lang nicht mehr im Repertoire, aber es ist so eine Hassliebe. Das krieg ich schon mit. Schweizer fahren ja auch temperamentvoller Auto.

Ja, das ist gut so, wie es ist. Wenn ich ausgeglichen bin, dann hab ich damit keine Probleme. Ist doch klar, ich hab den Anspruch, in so einer schönen Stadt wohnen zu wollen. Wenn ich Ruhe will, kann ich ja in Dörfer, ich könnte ja nach Litzelstetten ziehen. Aber es ist manchmal ein bisschen anstrengend, so samstags. Ich muss ja in der Stadt einkaufen und dann ist das einfach zu viel.

Was recht schön ist, ans Hörnle mit dem Fahrrad oder laufen und dann ins Wasser springen…und da hab ich jedes Jahr das gleiche Gefühl, ein bisschen spirituell, dass ich so dankbar bin, Jesus ich danke dir, und mich so sehr freue und mir so bewusst bin, dass es nicht selbstverständlich ist, jetzt hier im Wasser zu sein und das hab ich Jahr für Jahr. Ansonsten diese Wärme, also nicht die Temperatur…

Ein sehr trauriges Erlebnis hatte ich vor zwei Jahren, als dieser Großbrand war. Altstadtbrände sind ja immer traurig und bedrohlich, weil die Häuser sehr nah beieinander stehen und ich hab das morgens erlebt, das war glaub ich ein Samstag. Da war die Kanzleistraße gesperrt, ich hab nur so hoch sehen können und Feuer sah man nicht wirklich. Ich bin dann nach Überlingen zu Besuch und abends zurück gekommen, hab also den ganzen Tag die Entwicklung nicht mitbekommen und hab dann abends in der Tagesschau gesehen, wie dieses Haus zusammenbrach…also da musste ich schon weinen.

Ansonsten bin ich hier so Teil geworden. Ich lauf hier durch, schade, dass es hier einen McDonalds gibt, aber was soll‘s.

Ja, klar, dass der See Teil meines Lebens ist, ich bin ja hier geboren, so zwei Kilometer weg, ich hab Schwimmunterricht im See gehabt, hat aber nicht geklappt. Letztendlich hatte ich meinen Durchbruch auf Mallorca. Aber der See war immer präsent, optisch.

Meine Beziehung zum See ist tiefer geworden. Früher hab ich ihn doch vielmehr benutzt, ohne dieses Gefühl aufkommen zu lassen, dass ich mir bewusst bin, wie schön es ist, hier zu sein und dass es nicht selbstverständlich ist. Ich kenne eine Menge Leute, die würden sich sehr gerne hier häuslich niederlassen, aber Veränderung…hmm, nein. Nichts Unschönes. Es hätte ja sein können, an vielen Orten, zum Beispiel in Überlingen, haben sie mal eine Promenade gebaut. Das sieht sehr betonmäßig aus, das würd ich hier schade finden.

Ich hab kürzlich, diese Woche, einen Traum gehabt. Und zwar lebte ich plötzlich wieder in Hamburg, hatte da eine Frau und die bekam gleich wieder ein Baby und da war immer Besuch da. Das war in meiner alten Wohnung. Ich hab sie immer gebeten, dass der Besuch wegkommt und außerdem wollt ich sie auch weghaben. Dann war ich wirklich glücklich, als ich aufwachte und merkte, ich bin allein und ich bin in Konstanz. Das war wirklich sehr intensiv, dass ich mich eine Woche lang ganz, ganz arg zurückgezogen hab und mich bei Freunden eine Woche lang nicht gemeldet hab, weil ich das Allein, das ganz tiefe Alleinsein so genossen hab.

Meinen Seelenfrieden hier gefunden? Nein. Ich glaub schon, dass ich einfach ruhiger geworden bin, aber Seelenfrieden…Meine innere Ruhe hab ich hier auf jeden Fall gefunden. Das gilt für heute, wer weiß, was morgen ist. Aber bis heute bin ich sehr froh, dass ich wieder in Konstanz bin. Und Seelenfrieden, naja.

Das ist alles zur rechten Zeit. Als ich in Hamburg gelebt hab, da war es mir auch immer bewusst, ich wollte nirgendwo anders leben als jetzt dort. Und jetzt ist es so, dass ich nirgendwo anders leben möchte als hier. Das einzige, was ich in Konstanz so ein bisschen…naja, da komm ich wieder auf die Menschen zurück. Die sind so ein bisschen, ich arbeite in der Modebranche, die sind so…ich sags jetzt mal in meiner Sprache: zu wachelig. Das sagt man so, wenn man Frisuren hat, die man eigentlich nicht mal vor 20 Jahren getragen hat. Das ist ja auffallend. Wachelig, das ist so altbacken. Auch die Haltung…da gibt’s wenig zu erfahren für mich, das macht mich manchmal, ja, fast schon wütend, wenn es mir begegnet, weil ich ja auch irgendwo leben muss und wenn die Möglichkeiten nicht da sind…

Was ich auch noch sehr bedenklich find, dass Konstanz nicht bei Konstanz bleibt, also von den Bürgern, die hier was bewegen könnten, sondern dass die Mieten so hoch gehen, dass die jedes Loch vermieten. Und ich hab Kinder, Kita, das sind alles so Sachen…also dass Konstanz einfach mal ein bisschen auf dem Boden bleibt mit ihren Stadtvätern und sagt, hier, das ist immer noch Provinz. Wenn ich mir vorstelle in München, da sieht die Sache anders aus. Da versteh ich das, dass die sehr viel mehr Euros brauchen.

Familie? Ja, meine ganze Familie lebt hier, ich hab zwei Kinder. Die sind zwölf und drei.

Ob sich verändert hat, was die Kinder jetzt erleben? Also meine zwölfjährige Tochter lebt in der Nähe von Singen. Das ist sehr bedauerlich, für sie und für mich. Sie möchte auch am liebsten herziehen. Ich hab das geahnt, wenn sie einigermaßen älter wird, dann will sie auch in die Stadt. Und vor allen Dingen an den See. Sie ist Radolfzellerin, wurde in Radolfzell geboren, mein Sohn auch. Der lebt aber hier. Da kann ich jetzt nichts sagen, der ist noch klein.