165# Das Wasser hier hat leider keinen Duft

Ort Datum
 Bismarckturm  23.11.2012
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 11:00  12:00
Geschlecht Alter
 m
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 ca. 35
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? Frankreich

„Wo würden Sie sagen, sind Sie zu Hause?“

„Hier in Deutschland. Ich lebe jetzt seit dreißig Jahren hier und die Mentalität der Deutschen ist mit der der Franzosen zu vergleichen.“

„Fühlen Sie sich hier wohl in Deutschland und Umgebung?“

„Ja, sehr. Nur der Duft von Jod und das Mediterrane fehlen. Das Wasser hier hat leider keinen Duft. Aber sonst, die Berge, das Wasser… Das ist fast wie bei uns. Der Nebel könnte sich auch verziehen, dann ist der Blick von oben noch viel schöner!“

„Sie sehen ja täglich viele Leute -“

„Ja, aber leider nur im Sommer und die meisten wollen auch nicht auf den Turm hinauf, sondern feiern ihre Grillpartys unten auf der Wiese. Ich bin immer alleine. Jedes Jahr. Ob Weihnachten oder Sommer.“

„Sind Sie gerne alleine?“

„Nein, natürlich nicht… Mais, c’est la vie. Niemand ist gerne alleine. Ich möchte auch nicht 24 Stunden jemanden an meiner Seite haben, aber ein paar Minuten Kontakt zu anderen Menschen, finde ich sehr schön. Für mich ist es unverständlich, wie manche Menschen ihren sozialen Kontakt auf ihre Haustiere beschränken. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Hunde, aber sich den ganzen Tag nur mit einem Hund zu unterhalten, finde ich lächerlich!“

„Wie haben Sie es geschafft, so gut Deutsch zu lernen? Haben Sie einen Kurs besucht?“

„Nein, als ich nach Deutschland kam, konnte ich nicht einmal einen guten Morgen wünschen. Ich habe es nur durch die Kommunikation mit den Leuten gelernt. Es ist zwar nicht perfekt, aber man versteht mich. Ich finde es sehr wichtig, sich zu integrieren! Das muss sein. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass Immigranten im Bus in ihrer Muttersprache reden. Denn auch im Bus gehöre ich zu den Deutschen. Wenn mich hier jemand anspricht, rede ich auch nur Deutsch!“

„Und ihre Familie lebt noch in Frankreich?“

„Ich habe nur noch eine Nichte, die ich aber seit über 10 Jahren nicht mehr gesehen habe. Unser Kontakt ist wegen ihr abgebrochen: Sie hat nicht mehr geschrieben. Obwohl ich mich sehr gefreut habe, dass sie Kinder bekommen hat, hat sie mich damals nicht eingeladen. Ja, ihr Freund ist Marokkaner…Das hat mir natürlich nicht gepasst, aber es ist ihr Leben. Da kann und möchte ich nicht intervenieren und dennoch finde ich es inakzeptabel, als Französin mit einem Marokkaner zusammen zu sein, noch dazu in unserer Familie, also Entschuldigung! Aber, wie schon gesagt, sie hat bis jetzt noch nicht einmal eine Postkarte geschickt.“

„Und Sie haben ihrer Nichte auch nicht geschrieben?“
„Nein, ich bin schon sehr alt. Ich habe immer alles getan um unsere Familie zu retten. Ich habe sogar versucht unsere Mutter zu finden. Sie war sehr lange in der Psychiatrie, aber unter einem anderen Namen. Das Jugendamt wollte uns von ihr fern halten. Wir waren in einem Jugendheim, welches sich in einem Stockwerk in dem Krankenhaus, in dem sie lag, befand. Doch niemand hat mir gesagt, dass sie im selben Gebäude ist. Dennoch habe ich sie gespürt. Ich wusste, dass sie da ist…
Als ich ein Kind war, hat meine Mutter versucht mich in meiner Babywanne zu ertränken. Sie wollte mich töten. Diese Geschichte haben mir aber nicht die Leute vom Jugendamt erzählt, sondern ganz andere.
Gut, mein Vater hat mich damals gerettet. Aber ob das gut war oder nicht…Das weiß ich nicht.“

„Weil ihre Mutter so verzweifelt war wegen der finanziellen Lage?“

„Ja, wir lebten in der Nachkriegszeit. 1948. Drei Jahre nach dem Krieg. Aber die Leute hatten überall Probleme. Ob hier oder in Frankreich…“

„Sind Sie beim Jugendamt groß geworden oder haben Sie bei Ihrem Vater gelebt?“

„Nein, nein. Zuerst beim Jugendamt und später wurde ich – von meinem Bruder getrennt – ins Internat geschickt.“

„Wo ist Ihr Bruder groß geworden?“

„Bei einer Pflegefamilie. Aber diese Leute haben sich nur für das Geld und nicht für meinen Bruder interessiert. Der Briefumschlag, der jedes Monat kam, der war wichtig; der Rest: Liebe und Geborgenheit, das war alles scheiß egal.“

„Hatten Sie Kontakt zu Ihrem Bruder? Haben Sie sich danach wieder gesehen?“

„Ja, wir haben uns noch drei, vier Mal danach gesehen. Das letzte Mal habe ich ihn im Krankenhaus in Frankreich besucht. Er hatte damals einen schweren Verkehrsunfall und musste 3 mal am Gehirn operiert werden. Ich dachte aber, es wird alles gut. Doch als ich vor 6 oder 7 Jahren über Weihnachten nach Frankreich geflogen bin, haben mir meine Verwandten erzählt, dass er im Jahr 2000 gestorben ist.“

„War Ihr Bruder jünger oder älter?“

„Jünger. Ich hatte auch noch eine ältere Schwester, aber sie ist gestorben als sie oder ich 7 Jahre alt war.“

„Woran ist sie gestorben?“

„Das weiß ich nicht…“

„Hatten Sie zu Ihrer Schwester keinen Kontakt?“

„Sie ist gestorben, als  sie oder ich 7 Jahre alt war. Ich kann mir vorstellen, dass sie krank geworden ist. Aber ich weiß es nicht genau. Meine Mutter habe ich durch Zufall im Krankenhaus gesehen. Niemand hat mir gesagt, dass die Frau mit den weißen Haaren meine Mutter ist. Naja!

Von meinem Vater habe ich nur ein Foto gesehen. Auf diesem Foto hält er mich in seinen Armen und Rotz tropft von seiner Nase auf mich, aber das merke ich natürlich nicht. Dieses Bild habe ich ganz genau in meinem Kopf. Es ist immer da!“

„Warum durften Sie nicht bei Ihrem Vater aufwachsen?“

„Das Jugendamt hat das beschlossen. Ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich weil er krank war, sehr krank. Und natürlich hat es ihnen nicht gepasst, dass ein Madagasse in Europa lebt.

Aber dieses Problem der Jugend ist heute noch aktuell: Keine Mutter, keinen Vater…Mais bon, ich hatte das Glück, dass ich eine gute Ausbildung genießen durfte. Ich war auf der Schule von Strauss.

Aber ich verstehe die Aggressivität der jungen Leute: Sie hatten keine Zukunft. Doch in der jetzigen Zeit kommt noch das Problem des Alkohols hinzu. Es ist ein ewiger Teufelskreis; die Probleme werden nicht weniger.“

„Gibt es ein besonderes Erlebnis, welches Sie mit dem Bodensee oder mit Konstanz verbinden?“

„Hmmm…Nein.“

„Kommen Sie denn auch im Winter jeden Tag hier her?“

„Ja! Ich kann mich nicht zu Hause in meinen vier Wänden einsperren und schon gar nicht in einer Kneipe. Ich muss hier her kommen, auch wenn es kalt ist; dann komm ich zumindest nur für eine Stunde ist. Mais bon, dann mache ich mir einen frischen Kaffee um mich zu wärmen. Mir geht es nur gut, wenn ich hier bin. Antidepressiva und dergleichen brauche ich nicht. Meine Depressionen verschwinden sobald ich bei meinem Turm bin. Denn hier ist mein Akku immer voll, ohne viel zu tun.“

„Das ist schön, wenn man einen Ort gefunden hat, an dem man sich aufladen kann!“

„Ich habe diesen Turm schon damals gesehen, als ich noch in Radolfzell gelebt habe. Mein erster Weg, als ich dann zum ersten Mal in Konstanz angekommen bin, führte mich hier her! Mais bon, jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wie lange ich noch hier sein kann…“

„Vielen Dank für das Gespräch, es war sehr spannend und gemütlich bei Ihnen.“

„Bitte, bitte! Sie müssen aber unbedingt wieder kommen. Wie ich schon gesagt habe, am schönsten ist es dort oben, wenn die Sonne untergeht und vor allen Dingen der Schnee sieht vom Turm aus fantastisch aus.“