151# Auf der Fahrradbrücke, wenn man ganz oben ist

Ort Datum
 Augustinerplatz  29.10.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
 16:55  17:06
Geschlecht Alter
 weiblich  63
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 6
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 X
Wo sind Sie geboren? Kiel___

Der Wassergeruch: Es gibt nichts Schöneres. Ich bin aufgewachsen in Kiel. Sechs Jahre wohne ich jetzt hier. Ich liebe Konstanz, ja, ja! Ich zieh nur jetzt weg grade. Ich bin jetzt hier grad so meine letzten Wochen, dann gehts nach Karlsruhe. Mein Mann ist versetzt worden. Ich habe beruflich, freiberuflich Lebensgeschichten aufgenommen von Menschen. Ja, Biografien interessieren mich sehr. Ich war eben in einem Laden, und an dem ist ein Schild: Seuse ist da geboren. Hier gibt es den Namen ja sehr oft: Heinrich Seuse, das Gymnasium, dann auch eine Apotheke und so weiter. Und mein Mädchenname ist Seusing – und der geht zurück auf Heinrich Seuse, den mittelalterlichen Mönch aus Konstanz. Und als ich 17 Jahre alt war, ist mein Vater mal mit mir hier her gefahren, weil wir auf den Spuren von Seuse wandeln wollten, weil unser Name daher kommt. Und dann bin ich aber ganz wo anders gelandet – und dann vor sechs Jahren wieder hier. So, das ist ein Bezug den ich hab zu Konstanz, sehr persönlich.

Und dann hab ich natürlich hier sehr viel entdeckt, was mir viel bedeutet, und wohin ich immer wieder sehr gerne zurück gehen werde. Zum Beispiel: Litzelstetten, das Freibad. Gibt kein schöneres in Deutschland. Ach – unter den Bäumen da, und der Blick rüber zur Birnau… Ist ganz schön! Ich liebe halt das Wasser, ich komme aus Kiel.

Ich hab mich einfach immer sehr gerne in der Stadt aufgehalten. Wissen Sie, ich habe lange in Kanada gelebt, 17 Jahre, und da hatte ich immer den Traum: Irgendwann lebe ich mal wieder in einer Stadt mit Kopfsteinplaster. Wo man mit einem Fahrrad durch die Gässchen fahren kann – der Traum ist wahr geworden! Und jetzt habe ich das sechs Jahre lang sehr genossen. Meine Gefühle, jetzt wegzugehen, sind gemischt. Also irgendwie ist es auch ganz schön, wenn jetzt wieder was Neues kommt. In meinem Leben waren es immer verschiedene Kapitel.

Ich habe den Eindruck, die Konstanzer sind sehr eigen Man findet nicht leicht Zugang. Da bin ich bestimmt nicht die erste. Ich habe hier Leute kennen gelernt, die auch von wo anders gekommen sind – dann hat man was gemeinsam. Aber echte Konstanzer habe ich wenig kennen gelernt in diesen sechs Jahren, ich habe mich sehr bemüht, aber die Türen waren zu. Ja, ich glaube die Konstanzer waren auch nicht so froh, als die Universität hier aufgemacht wurde – zuviele Fremde. Aber woran das liegt, weiß man nicht. Mentalität irgendwie? Oder wegen der Grenze hier, dass man irgendwie so sehr unter sich bleibt, weil man sich dagegen absetzten muss? Ich bin nicht dahinter gekommen. Für mich war es toll, nah an der Grenze zu sein. Ja, das fand ich ganz toll. Ich mochte die Schweiz auch schon immer sehr gerne. Leider sind wir zu wenig da gereist. Jetzt vor ein paar Wochen war ich endlich mal bei Jungfrau und Eiger und Mönch. Es ist sehr idyllisch auch. Und ich hab in meinem Leben immer an Grenzen gelebt. Immer zwei Elemente, die sich irgendwie vermischt haben. In Kanada hab ich Übersetzungen gemacht mit meinem Mann zusammen, Englisch-Deutsch. Mein Mann ist Kanadier.

Für die Zukunft wünsche ich mir, eine Wohnung zu finden. Wir suchen gerade eine Wohnung. In Karlsruhe ist das offensichtlich auch so schwer. Also wir suchen jetzt. Mein Mann ist bereits dort und arbeitet da. Es ist verrückt: Ne Wohnung, wo unsere Bücher alle rein passen… (lacht) Wir hatten das letzte Mal 90 Kisten, also Umzugskartons. Die waren relativ locker gepackt, aber trotzdem. Zum Glück wurden die für uns getragen. Aber es ist schön, wenn die alle an der Wand sichtbar sind. Ja und was ich mir noch wünsche: meine Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Zwei ganz süße, die hier am Bodensee leben, also da werde ich immer wieder hier her kommen. Ich bin 63.

Seuse ist eben geboren hier in Konstanz und ist dann in Überlingen gestorben und war hier, auf Höhe wo jetzt das Inselhotel ist, da war eben ein Kloster; und da ist er vor allem gewesen. Und er ist also vollkommen ein Begriff. Für mich war das einfach ganz spannend, dass ich wirklich an den Ort komme, wo mein Name her kommt. Naja, die Geschichte geht sehr weit zurück und ich meine: Er war Mönch. Ich weiß nicht, wie wir davon direkt abstammen. Aber vielleicht schon irgend jemand in der Familie. Meine Mutter hat viel Forschung da gemacht, ich weiß das im Moment nicht so. Das müsste ich mal nachlesen.

Und das Osiandercafé ist für mich Heimat, da ist man immer von Büchern umgeben und die Leute sind so nett. Die Studenten, die da arbeiten, sind immer so ganz nette junge Leute. Und man sitzt irgendwie so geborgen. Und im Sommer ist es da drin immer leer, da habe ich oft allein gesessen, alle sitzen in diesem kleinen Gartencafé. Da fühl ich mich zu Hause. Nein, jetzt weiß ich, was mein liebster Ort ist in Konstanz: auf der Fahrradbrücke, wenn man ganz oben ist. Irgendwie diese Freiheit da, den See zur einen Seite, der Rhein zur anderen. Und man hat den Wassergeruch in der Nase. Da bin ich fast jeden Tag rübergefahren mit dem Fahrrad. Das war immer so ganz erhebend. Der Weihnachtsmarkt ist auch schön. Der, finde ich, hat hier auch viel Stimmung.

Was mich hier noch ärgert,  ist der Zugbahnhof, der ärgert mich jedes Mal. Weil daran einfach nichts wirklich gemacht wird. Also äußerlich ist es jetzt schon wesentlich ansprechender und so.

 

Mehr zu Heinrich Seuse hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Seuse