96# Am Anfang fanden wir es provinziell

Ort Datum
 Reichenau  01.11.12
Gesprächsbeginn Gesprächsende
Geschlecht Alter
 m und w  45
Wie lange sind Sie schon in Konstanz?
Jahre Monate Tage Stunden Minuten
 40
Sind Sie
Eingeborene(r) Tourist(in) Schweizer(in) Zugezogene (r) Student(in) Sonstiges
 x
Wo sind Sie geboren? Berlin

Sie: Wir leben hier in Dettingen seit 40 Jahren. Ich bin in Berlin geboren.

Er: Konstanz ist fast schon die 2. Heimat für mich, oder die dritte, mindestens. Die anderen sind Krakau, Frankfurt, Bonn…

Sie: Als wir geheiratet haben, ist er an die Uni hier gegangen. Ich bin mitgekommen und bin Dorfschullehrerin geworden. Das sagt man ja so schön. Im Vergleich zu Berlin ist das hier ein Dorf. Es war am Anfang recht schwierig, mich hier einzuleben, da ich am Anfang gedacht habe, ich würde nur drei Jahre hier bleiben und dann wieder irgendwo anders hingehen. Die Sprache war schwer zu verstehen; mich hat man auch nicht verstanden, wenn ich geredet habe, ich war nämlich viel zu schnell. Aber so nach drei Jahren, als unsere Kinder auf die Welt kamen, sind wir dann doch sehr, sehr gerne hier geblieben. Die Leute sind sehr offen. Wir sind beide auch in diesem relativ kleinen Dorf Dettingen sehr herzlich aufgenommen worden.

Wir sind oft und gerne in Konstanz unterwegs, obwohl wir es am Anfang, als wir herkamen, unglaublich provinziell fanden. In der Zwischenzeit hat sich durch die Universität so viel entwickelt.. Allein durch das Stadttheater! Das Theater, das es gab, als wir hier herkamen, war eine Katastrophe. Und jetzt ist es doch so, dass viele Stücke interessant sind und so richtig Spaß machen. Als letztes haben wir Handkes Stück ohne Worte gesehen. Das hat uns gut gefallen.

Der See ist toll, man kann im Sommer zu jeder Zeit baden gehen. Wann immer man will! Und jetzt ist er toll zum spazieren gehen. Normalerweise rieche ich den See und denke dabei an die Nordsee. Wenn man da vorne am Sandstand ist. Da gibt es ja viele Wellen und sehr viel Wasser. Und da kriegt man so richtig den See mit. Und im Sommer? Kann ich nicht beschreiben.

Ich bin jetzt 40 Jahre hier. Der See hat sich zusammen mit der Stadt verändert. Als wir ankamen, war es so, dass an vielen Stellen gar nicht gebadet werden konnte, weil er ja so dreckig war. Und weil man damals große Anstrengungen gemacht hat, den See sauber zu kriegen – was sie ja auch wirklich geschafft haben – kann man jetzt überall hingehen und ungehindert baden. Das finde ich toll. Sonst gibt es wahrscheinlich ein paar mehr Boote als am Anfang. Zum Glück ist alles an Großprojekten oder an Freizeitzentren abgewiesen worden, was am See stehen sollte. Das finde ich gut, dass das alles abgeschmettert wurde. Was ich auch gut fand, ist, dass sich viele von den Grundstücken öffnen mussten, um das Bauen von Wegen zu ermöglichen, auf denen man um den See herumgehen konnte. Wir sind jetzt immer regelmäßig am See, wenn unsere Enkelkinder kommen und unsere Familien.